
Noch 144 Stunden, bis ich in einem Flugzeug nach Běijīng sitzen sollte und ich habe keinen Pass, ich habe kein Visum, ich habe keine chinesische Yuán, aber für alle drei Dinge schon jetzt ein Vielfaches mehr ausgegeben, als ich eigentlich wollte. Ich warte. Noch 143,5 Stunden bis ich in einem Flugzeug nach Běijīng sitzen sollte.
Wer in die Volksrepublik China einreisen möchte, benötigt wie für jedes andere Land außerhalb der Europäischen Union einen gültigen Reisepass. Zuletzt war das bei mir der Fall, als ich noch einen Kinderpass besaß und so beantragte ich am Tag der Buchung einen aktuellen Pass. Und auch ohne Reise wäre jetzt ein passender Moment für einen Reisepass, bevor ab November serienmäßig die mehr als zweifelhaften RFID-Chips implementiert sind, mit denen nicht nur Befugte in der Lage sind, Daten per Funk auszulesen.
Einmal nicht lächeln und fertig ist das biometrische Passbild, der Antrag ist schnell gestellt und in maximal 15 Werktagen ist er da, so verspricht man es mir. Genug Zeit, schließlich soll die Reise erst in sechs Wochen beginnen. Doch am 15. Tag war es nichts, wie auch am 16. Tag. Und der Woche darauf. Und der Woche darauf. Alle Lieferungen seien wie gewohnt da, erfahre ich im Bürgeramt, nur eben die am 7. Mai beantragten Pässe nicht, "Wann haben Sie denn beantragt?" - "Na, raten Sie mal."
Sieben Tage vor Abflug werde ich dann wirklich unruhig. Nein, heißt es, machen könne man da gar nichts, rufen Sie einfach morgen wieder an. Als ich sage, dass ich in den letzten 16 Tagen, die mein Pass nun überfällig ist, bisher jeden Tag angerufen habe und ich nun doch mal zumindest etwas mehr Auskunft bräuchte, heißt es, man habe auch keine Möglichkeit. Ich schlage einen vorläufigen Reisepass vor, man attestiert mir, dass dies eine gute Idee sei und einige Stunden und weitere Gebühren später halte ich tatsächlich meinen Pass in frischem Waldmeistergrün in den Händen.
Der ausgefüllte Antrag für ein Visum liegt bereits seit Wochen auf meinem Schreibtisch, doch durch die Schwierigkeiten mit meinem Pass konnte ich ihn nicht absenden. Und jetzt, wenige Tage vor Abflug, wird die Sache mir auch per Express-Service zu heikel. Ich entschließe mich daher, selbst nach Frankfurt am Main zu fahren. Im dortigen Konsulat werde mir das Visum, wie mir die Dame am Telefon versichert, noch am selben Tag ausgestellt, sofern ich es zwischen 9 und 11 Uhr abgebe, ein Termin sei nicht von Nöten.
Und tatsächlich, nach über dreistündiger Fahrt, die um 4:40 in Bielefeld beginnt, erreiche ich kurz nach neun das chinesische Konsulat und halte eine Stunde später mein Express-Visum in der Hand. Zu den regulären 20,- EUR kommen 30,- EUR Expressgebühr hinzu, aber für den Moment bin ich einfach froh, es überhaupt in den Händen zu halten.
Zu meiner Überraschung ist die Visumabteilung nicht nur optisch wie ein Postamt aufgebaut, es herrscht auch mindestens so viel Betrieb. Viele Chinesen mit deutschen Pässen, die in ganzen Bündeln Visa für den Familienurlaub in der Heimat beantragen, jedoch mindestens genau so viele Westeuropäer stehen hier an. Im Nachhinein ärgere ich mich etwas, das Visum in meinem vorläufigen Reisepass kleben zu haben. Hätte ich gewusst, dass die Beantragung so problemlos ist, hätte ich genauso gut bis einen Tag vor dem Abflug warten können, um dann mit dem "richtigen" Pass den Antrag zu stellen.
Die nächste Frage, die sich stellt, betrifft das Geld. Chinesische Yuán, wo und wieviel sollte man umtauschen oder sollte man überhaupt schon in Deutschland wechseln? Ich entschließe mich, entgegen den Erfahrungsberichten, die man mir gibt, bereits hier Geld zu wechseln. Die Vorstellung, ohne einen einzigen Schein in Landeswährung zu verreisen, behagt mir nicht, zudem bin ich dann zumindest zu Beginn nicht verpflichtet, mich am Flughafen oder in der Stadt auf die Suche nach Wechselmöglichkeiten zu machen. Und wer weiß, wie der Kurs im Touristenhotel ist.
Kaum ist dies geklärt, bereitet das "wo" Probleme. Die Sparkasse Bielefeld bietet zwar den Umtausch an, jedoch nur mit 3 Tagen Vorankündigung und für Kunden der Sparkasse Bielefeld. Nun bin ich jedoch Kunde bei der Sparkasse Biberach und das gehe dann natürlich nicht. Man bietet mir einen Kontoumzugservice, nicht aber Geldwechsel an und Bargeld, nein, das wolle man erst recht nicht tauschen. Mehr könne man nicht für mich tun.
Ich versuche mein Glück bei der Dresdner Bank, diese wechselt mir zwar auch kein Geld, verweist mich aber freundlich an die Reisebank und drückt mir sogar eine Visitenkarte in Hand. Dort würde ich fündig werden, das ist doch schon mal ein guter Tipp. Und tatsächlich, zwar sind dort nur noch gute 160 Yuán vorrätig, aber die freundliche Dame bestellt von einer Kollegin Nachschub und reserviert auf meinen Namen. Wenn ich am Wochenanfang wiederkommen würde, seien die Kurse meist besser, verrät Sie noch und ich verspreche, am Montag wiederzukommen. Fünf Euro Pauschale kostet der Umtausch. In Anbetracht der Tatsache, dass jedes Abheben am Maestroautomaten auch mit vier Euro zu Buche schlägt, kein schlechter Tausch.
32° C hat es Ende Juni in Běijīng untertags, nachts "kühlt" es auf 21° C ab. Das klänge nach T-Shirt und kurzen Hosen, wenn nicht mit dem Juli zugleich auch der regenreichste Monat anstünde. Also müssen auch die Regenwetter-Klamotten mit. Nach vier Tagen werde ich Běijīng verlassen und nach einem kurzen Flug auch ins Wǔtái Shān-Gebirge kommen. Bei nur 9° C Durchschnittstemperatur im Sommer wird es wohl zu Unrecht auch "das kühle Gebirge" genannt; nach vier Tagen in Běijīng stelle ich mich mental und kleidungstechnisch auf "das eisige Gebirge" ein.
Die robuste, aber leichte und regentaugliche Jacke finde ich von "Fjäll Raven", die schwedische Marke verspricht mir sogar Schutz vor Moskitos, nun gut. Dazu feste Schuhe, einen Koffer, einen Rucksack, das muss reichen. Den Laptop lasse ich nach einigen Überlegungen zu Hause, die Vorteile als Bilderspeicher, Unterhaltung auf dem Flug und digitales Reisetagebuch wiegen den Nachteil des Gewichts und des Wertes, den man mit sich herumträgt, bei weitem nicht auf. Meine Notizen aus dem Moleskine werde ich sowieso übertragen müssen, ob dies nun abends im Hotel oder wieder in Deutschland geschieht, macht auch keinen Unterschied.
An Ausrüstung für die Reiseapotheke beschränke ich mich auf Schmerztabletten, ein rezeptfreies Medikament gegen Durchfall sowie Blasen, Pflaster und Asthmaspray für alle Fälle. Dazu Ohropax, Pflaster und Nivea. Als ich mich an die 32° C erinnere, fällt mir auch Sonnenschutz ein, der auch in Reiseführern unbedingt empfohlen wird.
An technischen Geräten kaufe ich mir einen Reisewecker, mein Handy hingegen lasse ich zuhause. Für den mp3-Player finde ich einen Adapter, um ihn auch am Stromnetz aufladen zu können. Zumindest in Běijīng sollte das klappen, sowohl Stecker als auch Spannung sind kompatibel.
Bargeld sollte - wie in jedem Urlaub - nicht zentral an einer Stelle aufbewahrt werden. Neben meinem Geldbeutel habe ich eine dünne Seitentasche, die am Gürtel befestigt und unter der Kleidung getragen werden kann. Gerade in touristischen Zentren ist die Fähigkeit der Trickdiebe enorm, aber auch abseits des Massentourismus besteht durchaus diese Gefahr, wie mir erfahrene Chinareisende erzählen. Auch Kopien von Visum, Reisepass und Tickets können im Notfall hilfreich sein und sollten gemacht werden.
Noch 72 Stunden, bis ich in einem Flugzeug nach Běijīng sitzen werde. Ich habe endlich einen vorläufigen Pass, ich habe ein Visum, ich habe die Tickets bekommen. Über Kopenhagen geht der Flug, am Donnerstag, 21. Juni komme ich in der chinesischen Hauptstadt an. Am 26. Juni werde ich in nach Tàiyuán fliegen und von dort aus Píngyáo besichtigen, eine von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Stadt, ich werde auf über 2200 Höhenmetern die Berge von Wǔtái Shān sehen und das Hängende Kloster Xuánkōngsì besuchen. Noch 72 Stunden.



