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Dächer innerhalb der Anlagen des Konfuziustempels

Prolog

Es ist kurz nach halb drei Ortszeit, als über der russischen Taiga die immer seichter gewordene Dämmerung aufbricht und der Sonnenaufgang die nur wenige Stunden junge Nacht beendet. Binnen Minuten ist die gesamte Kabine lichtdurchflutet und die reflektierende Wolkendecke glimmt bis zum Horizont, der die Erdkrümmung erahnen lässt, in einem satten Gelb. Die Stewardessen schließen nacheinander alle Blenden, bis nur noch das kalte Licht der Sitzmonitore leuchtet. Ein paar Stunden Schlaf werden gut tun, währenddessen es immer weiter gen Osten geht. Auf dem Bildschirm taucht der Ural auf. Ich ziehe den Gurt an, es wird wohl schaukeln. Dort, an der europäisch-asiatischen Grenze.

DUS–CPH, warten, CPH–PEK

Als ich einige Stunden zuvor in Kopenhagen auf meinen Anschlussflug warte, beobachte ich die Wartenden am Gate. Ich versuche einzuschätzen, aus welchen Anlässen sie nach China reisen und scheitere meist.

Ich mache erste Aufschriebe für dieses Reisetagebuch und notiere, dass mich der Flughafen Kopenhagen an mein Wohnzimmer erinnert, ein dunkler Holzboden verleiht dem niederen Gebäude eine heimelige Atmosphäre. Spontan stelle ich ihn mir romantisiert eingeschneit vor, bei dämmrigem Licht, im Dezember. Dabei weiß ich noch nicht einmal, ob in Kopenhagen überhaupt viel Schnee fällt.

Mittlerweile ist die Wartehalle gut voll, viele Europäer - hauptsächlich Skandinavier - sitzen hier. Zu meiner Verwunderung sind darunter kaum Geschäftsmänner auszumachen, aber auch Klischeetouristen scheinen nicht darunter. Und dann, pünktlich kurz vor neun geht es los, endgültig Richtung Osten.

Chinesischer Boden unter den Füßen

Wer in die VR China einreist, bekommt bereits im Flugzeug vier Formulare ausgehändigt, zwei für's "Rein", zwei für's "Raus". Gewissenhaft fülle ich die Gepäckdeklaration aus und wundere mich später darüber, als die Zettel im Vorbeigehen wild durcheinander in einem umfunktionierten Wäschekorb landen. Apropos wild durcheinander: halb China scheint sich an diesem Tag im Flughafen zu befinden, es ist übervoll und vor den zahlreichen Einreiseschaltern bilden sich lange Schlangen. Dennoch geht es zügig voran, die Zollbeamten arbeiten ebenso gewissenhaft wie schnell. Einer von ihnen stempelt nicht, sondern läuft von Schalter zu Schalter und äugt streng kontrollierend mit militärischem Blick auf die Bildschirme der Passkontrolleure. Welch Kontrast zu dem eben erlebten laxen Umgang mit den Deklarationsscheinen!

Der Flug

von Kopenhagen nach Běijīng dauert circa neun Stunden
und findet in 30.000 Fuß Höhe bei 870 Stundenkilometern statt.
Bei 6 Stunden Zeitverschiebung bietet sich für hin ein Nachtflug an.
Københavns Lufthavne als Vogelschaubild, wie der Chinese sagen würde.
Erst ein Zwischenziel, Københavns Lufthavne.
35°C, Luftfeuchtigkeit 80%, Smog:
Willkommen in Běijīng!
Nichts für schwache Kreisläufe, das Wetter in Běijīng.
Fünf Autobahnringe ziehen sich durch die Stadt. Links und rechts davon Hochhäuser, so weit das Auge reicht.
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(Bild 1/6) Fünf Autobahnringe ziehen sich durch die Stadt. Links und rechts davon Hochhäuser, so weit das Auge reicht.
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Ankunft in Běijīng

Das Klima außerhalb des klimatisierten Flughafens gleicht einem Treibhaus. 35° Celsius heiße Luft, feucht und dazu voller Ruß, Staub und Abgase. Nur vier weitere Reisende haben sich eingefunden, eine sehr angenehme Gruppenstärke.

Gua heißt unsere Fremdenführerin und Übersetzerin und noch am Flughafen lässt sich erahnen, warum reisen in China auf eigene Faust nur für sehr versierte Touristen zu empfehlen ist. Trotz der harten Schulbildung, von der ich später hören werde, sprechen selbst in der Stadt nur wenige Chinesen Englisch. Und spätestens wenn auf einem Wegweiser ausschließlich Schriftzeichen den Weg weisen, wird man sich selbst als Ausländer bewusst.

Der Minibus wird vom Fahrer mit dem Klischeenamen Wan gelenkt. Er bringt uns zum Konfuziustempel, einer Anlage inmitten Běijīngs. Auf dem Weg dahin erklärt Gua die korrekte Aussprache des Stadtnamens. Bai-zing ist im Hochchinesischen in etwa korrekt. Das deutsche Peking hat seinen Ursprung im südchinesischen Dialekt. Immer häufiger wird aber auch in Deutschland das korrektere Běijīng bzw. Beijing verwendet.

Der Lamatempel

Eine Ausfahrt weiter hinter der Stadtautobahn ist die Fahrt schon wieder zu Ende. Hier, am Ende einer Straße voller Räucherstäbchen- und Andenkenhändler befindet sich die größte lamaistische Tempelanlage außerhalb Tibets. Wie alle Tempel befinden sich die Hauptgebäude auf einer Linie und zum ersten Mal begegne ich hier den überdimensionalen Türschwellen. Bis zu knapp einem halben Meter muss der Besucher übersteigen. Ein Akt, den böse Geister nicht beherrschen und so erfolgreich ausgesperrt bleiben, wie Gua erklärt.

In den Hallen selbst befinden sich Statuen, fotografieren ist hier nicht erlaubt. Sind bereits die geschnitzten Figuren in den ersten Gebäuden imposant, so ist der Höhepunkt zweifelsohne der letzte Raum: Aus einem über 26 Meter hohen Baum wurde in der letzten Halle aus einem Stück eine gigantische Buddhastatue geschnitzt. Lediglich die Arme sind nachträglich angebracht, der Rest des Baumriesen befindet sich in Buddhagestalt 18 Meter über und 8 Meter unter der Erde.

Der Konfuziustempel

In der Straße gegenüber und nur wenige hundert Meter weiter befindet sich der zweitgrößte Konfuziustempel der Welt. Im Gegensatz zum Lamatempel ist dieser nicht bereits in einen Topzustand gebracht worden, so dass hier noch kräftig restauriert wird. Wie in ganz China wirft hier Beijing 08, die Sommerolympiade im kommenden Jahr, ihre Schatten voraus.

Zahlreiche Bauarbeiter graben das Gelände um, Farbkanister stehen herum und der ganze Tempel ist mit einem Bambusgerüst versehen. Hier fällt mir ein bekleidungstechnisches Kuriosum auf, das mir in ganz China begegnen wird: In der drückenden Mittagshitze und bei körperlicher Arbeit ist es den Arbeitern sehr heiß geworden. Statt jedoch sich das Unterhemd ganz auszuziehen, rollen sie es nach oben, bis nur noch eine dünne stoffwurst an Trägern über die Brust spannt; und nicht mehr verhüllt, als man auch ganz ohne sehen könnte. Anfangs denke ich noch, dass es eventuell regional bedingt ist, doch auch weit außerhalb der Stadt ist diese Methode Gang und Gäbe.

Autofahrt durch Chinas Hauptstadt

Die Weiterfahrt mit dem Minibus und erste richtige Stadtautobahnfahrt wird zum Abenteuer. Obwohl der Wagen kaum schneller als 50 Stundenkilometer fährt, wünsche ich mir vergeblich einen Gurt. Es rattert und schwankt in den engen, völlig verstopften Straßen. Geblinkt wird zwar schon meistens, ohne Hupe jedoch läuft gar nichts. Und es wird viel gehupt: Beim Fahrstreifenwechsel, wenn ein anderer den Fahrstreifen wechselt, beim Abbiegen, beim Bremsen. Und weil jeder hupt, drückt man eben immer noch einmal öfter drauf.

Vor uns zieht ein Kleinlaster langsam, aber zielstrebig in unsere Fahrlinie, Sekunden vor einer Kollision. Wan hupt drei mal und der Wagen schwenkt mit derselben langsamen Berharrlichkeit wieder zurück. Eine Szene, in der man in Deutschland noch Kilometer später auf den Fahrer geschimpft hätte. Wan jedoch blickt noch nicht einmal nach rechts, als wir vorbeiziehen und verzieht auch sonst keine Miene, es ist normal. Rushhour in Běijīng.

Wir fahren stetig Richtung Süden mitten durch das Zentrum der Stadt. Links und rechts tun sich unablässig gigantische Häuserschluchten auf. Als die Sonne untergeht und die anonyme Betonwüste in ein gelbliches Licht taucht, fühle ich mich an die Zeichnungen aus Animatrix erinnert. Kein sonderlich schmeichelhafter Vergleich. Aber ein unheimlich faszinierender.

Wir überholen einen Militärtransporter. Junge Männer sitzen auf den Bänken und für einen kurzen Moment fahren beide Wagen parallel mit gleicher Geschwindigkeit. Kaum einer der Uniformierten scheint älter zu sein als ich. Sie winken uns belustigt zu und freuen sich über die Reaktion. Gut möglich, dass es sich um frisch Eingezogene vom Land handelt, noch nicht an den Anblick vieler Touristen aus dem Westen gewohnt. Sie winken. In der anderen Hand hält jeder von ihnen ein Maschinengewehr.

Im Osten geht die Sonne unter

Als wir schließlich in unserer Unterkunft ankommen, dämmert es bereits. Die Straße, in der das Hotel liegt, ist an gelebtem Klischee kaum mehr zu überbieten. Viele Menschen sind unterwegs und sitzen bei Fleischspießchen und Bier vor unzähligen Kleinstküchen auf der Straße. Noch immer hat es 30° Celcius, kurz vor halb zehn.

Nach wenig erholsamem Schlaf im Flugzeug und dem ersten Tag im Gewächshaus Běijīng spüre ich dann doch die Anstrengung der Reise. Dass ich mit 3 Gepäckstücken in Bielefeld auf dem Bahnhof stand, scheint bereits Wochen her zu sein. Bevor ich die Stunden minus Zeitverschiebung ausrechnen kann, bin ich jedoch bereits eingeschlafen.

Weitere Bilder

gibt es bei Klick auf die Pfeile nach links und rechts, die sich unterhalb mancher Bilder hier im Reisetagebuch befinden; wie zum Beispiel beim Foto direkt über diesem Text. Toll!
Eines der Hauptgebäude der Lamatempelanlage.
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(Bild 1/6) Eines der Hauptgebäude der Lamatempelanlage.
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„Chinas Kommunisten besinnen sich auf Konfuzius. Und an Pekings Universitäten beruft sich eine neue Studentenbewegung auf den alten Meister.“
ZEIT-Artikel vom 11.05.2005
Rush Hour in Běijīng
Kann Spuren von sauberer Luft enthalten: Der Himmel über Běijīng.
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