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Die große Chinesische Mauer am Abschnitt Badaling.

Die Mauer, ein Ming-Grab und Běijīng bei Nacht

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Im Osten Běijīngs

10,- Euro kostet hier ein 50qm-Büro. Pro Tag und pro Quadratmeter. Für eine Kaufwohnung sind es dann schon einmal 3.500,- EUR pro Quadratmeter. Wir fahren im Minibus im mittlerweile gewohnt abenteuerlichen Verkehr durch den Osten der Stadt. Moderne Hochhäuser beherrschen das Bild und Chen erzählt. Gelegentlich ziehen die Logos deutscher Unternehmen am Fenster vorbei, Bosch, Miele oder die Lufthansa haben hier ihre Büros und wer es sich leisten kann, lebt hier gleich ganz. Einfach nur "normal" reich zu sein reicht dafür allerdings kaum aus. Superreich - und das nicht in Yen - muss es schon sein, um sich das exklusive Leben in diesem sehr westlich angehauchten Viertel leisten zu können.

Wer hier ein Kind hat, schickt es in den Kindergarten, oftmals bevor es das erste Lebensjahr erreicht hat. Dort wird es nicht nur tagsüber betreut, sondern kann - oder muss - gegebenenfalls von Montag bis Freitag übernachten. Es folgen neun Jahre Schulpflicht, die in der gesamten Volksrepublik gilt und kostenlos ist. Wer es sich leisten kann, hängt drei Jahre gymnasiale Oberstufe an oder geht, ebenfalls drei Jahre, zum Militär. Ohne Militär oder Universität, sagt Chen, kaum eine Chance für Arbeit in China. Ganz ganz schwer.

Dann muss man halt die Grünanlagen pflegen gehen. Mittlerweile haben sich die Glas- und Stahltürme rechts und links gelichtet und wir fahren auf einer relativ gut ausgebauten Autobahn nach Norden. Immer wieder stehen am Straßenrand große Gruppen von Arbeitern. Gärtner, die Hecken schneiden, Blumen pflanzen oder einfach nur in der Gruppe sitzen. Niemals arbeiten alle zugleich, ein großer Prozentsatz von ihnen scheint immer Pause zu machen. Manche schlafen sogar im Schatten. Doch die Anzahl der Arbeitergruppen ist so groß, dass die Anlagen beständig gepflegt werden. Und das sieht man überdeutlich: Kilometer um Kilometer ist die Straße gefegt, kein einziges Blatt liegt auf dem Boden. Über eine weite Strecke sind am Straßenrand der Autobahn Bäume gepflanzt. Jeder ist mit Grenzsteinen eingefasst und das Erdreich akkurat mit Steinen bedeckt. Die auffallende Sauberkeit irritiert mich, sagte man mir doch, dass China so sehr dreckig sei. Bisher jedoch waren selbst die touristenlosen Seitengässchen in der Innenstadt gefegt. China, das große Singapur?

Běijīng: 7.600.000 Menschen,
906 Einwohner auf jedem Quadratkilometer
Die Superreichen unter ihnen wohnen im Osten der Stadt.
Im Osten der Stadt
Gewagte Architektur sucht zahlungskräftige Mieter.
Jede Familie nur ein Kind. Trotz teilweise ausbleibendem Erfolg in den ländlichen Gebieten und einer Reihe von Ausnahmeregelungen gilt die Ein-Kind-Politik nach wie vor. Und die Strafen für ein zweites Kind sind drakonisch: von 100.000,- Yuan, also umgerechnet 10.000,- EUR berichtet Chen, von Zwangsabtreibungen die deutsche Presse.
"Chinesen wehren sich gegen Ein-Kind-Politik", Die Welt Online, 5. August 200
Ich entscheide mich für den Weg nach links. Immer am Bergkamm entlang liegt sie da: Die Große Chinesische Mauer
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(Bild 1/6) Ich entscheide mich für den Weg nach links. Immer am Bergkamm entlang liegt sie da: Die Große Chinesische Mauer
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Die Chinesische Mauer

Nach gut eineinhalb Stunden ist die Fahrt zu Ende. Kurz zuvor tauchten die ersten Berge auf und das letzte Wegstück ging es in Serpentinen nach oben. Ich bin in Badaling angekommen, dem wohl bekanntesten Abschnitt der Chinesischen Mauer. Händler kommen angelaufen und versuchen T-Shirts mit "Beijing 08" Aufdruck zu verkaufen, alle haben sie dieselben. In dem aus Souvenirshops bestehenden Touristenzentrum tummeln sich tausende Touristen, darunter auch viele aus China, Japan und Korea. Ein Mann verkauft an einem Stand traditionelle chinesische Instrumente. Statt eines traditionellen chinesischen Liedes spielt er Greensleeves.

Zwei Wege führen nach dem Einlass auf die Mauer: links und rechts. Der Weg nach links, so sagte man mir zuvor, sei zwar viel steiler, aber dafür nicht so überfüllt. Nicht, dass ich darüber nachgedacht hätte, den anderen Weg zu nehmen, aber als ich das erste Mal zurückschaue und die andere Seite sehe, bin ich erst recht erleichtert, es nicht getan zu haben. Rücken an Rücken schiebt sich bis zum Gipfel, alles inmitten der stumpfen Mittagshitze.

Der Weg nach links dafür ist tatsächlich steil. Als die Steigung so groß wird, dass die Schuhe keinen rechten Halt mehr finden, beginnen die Stufen. Diese haben unterschiedliche Höhen und sind kaum minder anstrengend als die gerade Schräge und so drehen hier bereits die ersten ab. Als ich den Gipfel und damit den ersten Turm erreicht habe, spüre ich, dass der Aufstieg doch noch anstrengender ist, als es zunächst scheint.

Stellt man sich nun vor, man müsste den gesamten Berg in voller Montur und mit Waffe bezwingen und findet dann auf dem Kamm auch noch diese gigantische Mauer vor, dann fällt es schwer zu glauben, dass dieses Bollwerk nicht standgehalten haben soll.

Bis zu drei Millionen Arbeiter sollen im Laufe der 1100-jährigen Baugeschichte an den Arbeiten beteiligt gewesen sein, über 500.000 dabei gestorben. Andere Quellen berichten von 800.000 Zwangsarbeitern und "tausenden" Toten und ganz genau lässt sich diese Frage wohl nie klären. Die fertig gestellte Mauer jedenfalls ist bis heute das volumengrößte Bauwerk der Welt mit den gigantischen Ausmaßen von 6.350 km Länge, zwischen drei und acht Metern Höhe und fünf Metern Breite. Keine zwei Jahrhunderte nach der endgültigen Fertigstellung hatte sie ihre ursprüngliche Bedeutung verloren. Das Reich befand sich nun beidseits der Mauer und die Anlage war nun keine Grenze mehr.

Während die Mauer vielerorts langsam zerfällt, ist sie hier bei Badaling auf einem gut 6 Kilometer langen Stück restauriert. Wer einmal die erste Kuppe überwunden hat, wird mit einem fantastischen Ausblick belohnt. Je weiter der Weg führt, desto menschenleerer wird er und am Ende der Strecke teilen sich vielleicht 10 Touristen die gesamte sichtbare Mauer.

Auf dem Weg zurück treffe ich nahe dem Eingang ein mitreisendes Pärchen, vielleicht Anfang dreißig, aus Bayern. Sie, stark übergewichtig, drehte relativ rasch wieder um, erzählt aber lebensfroh dies und das. Er, äußerlich vom Typ Sportler, nuschelt immer nur wenige Worte und zieht leidend die Stirn in Falten. Ich habe ihn noch gar nie anders gesehen. Beiläufig erfahre ich, dass sie wohl bereits mehrere Fernostreisen hinter sich haben und vor meinem geistigen Auge sehe ich das ungleiche Paar: er missmutig in Vietnam, leidend in Indien, verstimmt in Thailand. Die Beweggründe ihrer Reise bleiben mir verschlossen.

Die 13 Ming-Gräber - oder zumindest eines davon

Auf dem Rückweg, circa 50 km von der Hauptstadt entfernt, liegt am Fuße eines Berges ein weitläufiges Gebiet, in dem 13 Kaiser der Mingdynastie begraben liegen. An einem der Gräber machen wir Halt.

Das Kaisergrab selbst liegt bis heute ungeöffnet unter einem Erdhügel. In Ermangelung einer geeigneten Konservierungstechnologie würde bei einer Freilegung ein Großteil der Kunstgegenstände unwiderruflich verloren gehen und so darf der tote Kaiser weiter ruhen, bis die Wissenschaft eine Lösung gefunden hat.

Zu sehen sind deshalb hauptsächlich eine Parkanlage sowie mehrere Gebäude und Tempelanlagen. Die große Faszination bleibt jedoch trotzdem aus. Wer zuvor die Verbotene Stadt besichtigt hat und auch den Konfuzius- und Lamatempel kennt, für den gibt es hier in dieser Grabanlage keine Überraschung zu sehen. Wie immer sind alle Bauwerke entlang einer Linie ausgerichtet und jedes Gebäude ist für sich allein stehend Beweis für Chinas großartige Vergangenheit. Die Summe der Eindrücke macht einen jedoch im Laufe der Zeit blind für alles unterhalb des Superlativs und so verlasse ich das Ming-Grab ohne eine konkrete bleibende Erinnerung.

Die Běijīng-Oper

Zurück in der Stadt steht nach einem Essen ein Besuch in der Běijīng-Oper auf dem Programm. Zwar hat wohl jeder schon einmal den Begriff "Peking-Oper" gehört, konkret etwas darunter vorstellen können sich aber die wenigsten. So hatte ich mich bereits in Deutschland kundig gemacht, was man bei einem Besuch überhaupt anziehen muss.

Die Sorge um die richtige Kleidung war unbegründet. Mit der europäischen Oper hat die Běijīng-Oper rein gar nichts zu tun und so ist alles, was man sowieso im Koffer hat, auch opernkompatibel. Dabei ist auch der Name Oper missverständlich, vielmehr handelt es sich um eine Mischung aus Pantomime, Gesang, Tanz, Kampfkünsten und Schauspiel. Soweit die Theorie, dachte ich mir. "Dominik, lass dich überraschen" sagte ich zu mir selbst.

Überrascht war ich dann auch und schon nach wenigen Minuten war mir klar, dass ohne intensive Vorbereitung der Abend für mich als Europäer seine Absurdität nicht verlieren würde. Das Theater ist auf Touristen zugeschnitten und versprüht den Charme der 80er Jahre in der DDR. Außer einem schweren Vorhang gibt es in diesem Stück keine Kulissen und die Atmosphäre erinnert mich an eine Schulaufführung.

Dazu muss angemerkt werden, dass dies sicher nicht am Können der Schauspieler liegt. Bis zu 10 Jahre dauert die Ausbildung eines Darstellers, der - einmal zu Beginn seiner Laufbahn entschieden - ein Leben lang denselben Charakter spielt. Jede Geste, jede Bewegung ist mit Bedeutungen geradezu überfrachtet. Wer das jedoch nicht weiß und intensiv studiert hat, für den bleibt die Běijīng-Oper eine gute Stunde kurioses bis schmerzhaftes Geräusch, als sähe man eine japanisches Anime in halber, höre den dazugehörigen Ton aber in 10facher Geschwindkeit. Die anwesenden Europäer sind verwirrt, die Chinesen applaudieren begeistert.

Nessun dorma in Pechino: Běijīngs Straßen bei Nacht

Der Tag endet mit einem Spaziergang durch das nächtliche Běijīng. Vom Hotel aus gehe ich ziellos die erstbeste Straße entlang. Viele Tausend Menschen sind unterwegs und sitzen an Tischen auf den breiten Bürgersteigen. Spieße werden gebraten und verkauft, Bier getrunken und dabei diskutiert, gelacht oder auch einfach nur geschwiegen. An dutzenden Ständen liegen leckere Dinge aus, herzhaftes wie süßes. Einige Meter weiter wird gearbeitet, gebaut oder abgerissen, so genau lässt sich der Unterschied nicht erkennen. Ein unbeleuchteter Lastwagen kommt mir entgegen, bis ich vorsorglich die Straßenseite wechsle.

So komme ich einige Kilometer, bis ich an einer der Ringstraßen kehrt mache. Mittlerweile habe ich in den wenigen Tagen schon so viel von der Stadt gesehen und nicht ein einziges Mal habe ich mich unsicher gefühlt. Die Militärpräsenz an großen Plätzen ist zwar befremdlich, hier jedoch, kurz nach 12 in einer von unzähligen Seitengassen ist davon nichts zu sehen und als einziger Europäer auf der Straße werde ich nicht ein einziges Mal blöd angemacht. Ich überlege noch, ob ich mich einfach auch noch auf ein Bier und was Gebratenes hinsetzen sollte, aber bald ist es ein Uhr und morgen geht es bereits früh los. Um sieben fliegt die Maschine nach Tàiyuán.

Trotz aller Gigantomanie: Vom Weltraum aus ist die chinesische Mauer übrigens entgegen aller anderslautender Geschichten nicht zu sehen, zumindest nicht ohne Teleobjektiv oder Ähnliches.
Informationen inklusive Rechenbeispiel dazu hat Wikipedia.
Der grobe Verlauf der chinesischen Mauer.
Der grob skizzierte Mauerverlauf der Mauer (Unterbrechungen nicht eingezeichnet)
Auf dem Gelände eines der 13 Minggräber.
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(Bild 1/4) Auf dem Gelände eines der 13 Minggräber.
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Ausschnitt aus "A Monkey King Moment" (3:15 min, aufgenommen von Gustavo Thomas)
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