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Fahrt nach Dàtóng

Unterwegs nach Dàtóng

Freundlichkeit. Die allermeisten Menschen, mit denen ich während meinem Aufenthalt zu tun habe, sind absolut freundlich. Und dies nicht, wie man meinen könnte, auf eine demütige Art und Weise, ganz im Gegenteil. Li beispielsweise ist stolz auf die Kultur und Geschichte Ihrer Heimatprovinz Shanxi. Vielmehr sind die meisten Menschen aufmerksam, versuchen nicht in Bilder zu laufen und grüßen. Das denke ich, als ich durch die Straßen Dàtóngs laufe. Vor mir zieht ein Mann mit einem lauten Geräusch diverse Körperflüssigkeiten huch und spuckt sie ohne sich umzusehen auf die Straße - eine nationale Unsitte. Die meisten, denke ich, die meisten.

Wie Bill Clinton uns die Fahrt erleichtert

Wir verlassen den heiligen Berg über einen anderen Pass im Norden. Zuvor jedoch steigen wir noch einmal gewaltig auf und im morgendlichen Dunst bietet sich ein fantastischer Ausblick zurück. Schon seit gestern komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus: Wie auf Kinderzeichnungen gibt es unzählige Bergkuppen, die gesamte Szenerie verbreitet einen geradezu surrealen Eindruck.

Als wir den Kamm erreichen, sind wir 2.700 Meter über dem Meeresspiegel, die Luft ist dünn und klar. Eine alte Frau sitzt vor einem Autowrack auf einem Schuttberg und verkauft Böller, mit denen böse Geister vertrieben werden können. Ein Mann beobachtet uns von einer Anhöhe mehrere hundert Meter entfernt, ansonsten ist es hier menschenleer und verlassen. Noch einmal durchatmen und den Talblick und die Luft genießen, dann geht es wieder abwärts.

Abwärts geht es in rasantem Tempo. Nicht nur, weil der alte Minibus nun einfach rollen lassen kann, auch die Straßen sind in bestem Zustand. Zu verdanken haben wir es Bill Clinton. Als dieser 1998 die Volksrepublik China besuchte, gab es zwei Optionen: Entweder würde er die Terrakottaarmee in der Shaanxi-Provinz besuchen, oder aber Wǔtái Shān in der Shanxi-Provinz mit nur einem a. Vorsorglich wurden beide Regionen modernisiert und so kommen wir rasch voran. Besucht hat der 42. Präsident der Vereinigten Staaten dann allerdings die Tonkrieger in Shaanxi.

Vorbei geht es an Bergdörfern und an die Hänge gedrückten Häusern. Mit sinkenden Höhenmetern kehrt auch die Armut wieder zurück und als wir wieder im Tal sind, stehen wir zwischen Kohlelastern im Stau. Diese warten darauf, abgewogen zu werden, wer zu viel geladen hat, muss zahlen. Das Resultat ist ein Konvoi an wartenden Schwertransportern, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Über 30 Minuten fahren wir an einer Schlange von stehenden, vollbeladenen LKW vorbei, es müssen hunderte sein. Der Staub kehrt zurück.

40° 05' N, 113° 17' O
Der Weg nach Dàtóng führt in den Norden.
„Clinton Arrives in Beijing“
„Before flying here (Beijing), Clinton visited the famed Terracotta Warriors, an army of more than 7,000 pottery soldiers and horses, created and buried 2,200 years ago to guard the tomb of Emperor Qin Shi Huangdi. They were unearthed beginning in 1974, when Xiahe villagers found one while digging a well, and now are displayed in their burial pits in giant archeological museums.“
Aus dem Besuch in Wǔtái Shān wurde nichts: Pressemeldungen von 1998.
Ein letzter Blick zurück ins Tal.
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(Bild 1/5) Ein letzter Blick zurück ins Tal.
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Xuánkōngsì - Das hängende Kloster

Mittlerweile ist es Mittag, Wǔtái Shān liegt einige Stunden hinter uns und durch den Stau ist es bereits später, als es sein sollte. Wir fahren auf einer engen, aber gut ausgebauten Straße, die sich einen Berghang entlang windet, als ein Tunnel auftaucht. Als wir mit unveränderter Geschwindigkeit einfahren, ist es stockdunkel. Nicht eine Lampe leuchtet und blind hält der souveräne Fahrer weiter gerade aus, er scheint nicht überrascht. Nach wenigen Sekunden gewöhnen sich meine Augen an die Finsternis und einige Meter voraus ist der Ausgang zu sehen. Direkt dahinter liegt das hängende Kloster, oder vielmehr: es hängt!

Eine riesige Felswand erhebt sich beidseitig eines Tals, an dessen Grund ein mittlerweile begradigter Fluss fließt. Inmitten des Felds hängt im wahrsten Sinne des Wortes ein dreistöckiges Kloster, direkt an der Felswand. Winzige Vorsprünge und Verankerungen in Felsspalten dienen als Fundament, auf dem der gesamte Bau lastet. Eine solche Konstruktion ist noch heute abenteuerlich, bedenkt man jedoch, dass die Anlage im 6. Jahrhundert entstanden ist, kommt man aus dem Staunen schier nicht mehr heraus. Begonnen wurde der Bau von oben, Männer wurden an Seilen die Felswand herabgelassen und installierten nach und nach die einzelnen Bauteile. Bis ins Jahr 1985 lebten bis zu 10 Mönche gleichzeitig auf dem Fels, als der Letzte die Anlage verließ, wurde sie für Touristen geöffnet.

Es ist jedoch nicht nur die Bauweise auf spektakuläre Art einzigartig, auch die Tatsache, dass die Klosteranlage von drei Religionen zur selben Zeit genutzt wurde ist einmalig. Buddhismus, Konfuzianismus und Daoismus fanden hier 30 Meter über dem Flussbett Platz.

Schwindelfrei und schlank von Vorteil

Trotz 1.500jähriger Geschichte wurden lediglich einmal die Bodenplanken ausgewechselt, der Rest der Holzkonstruktion stammt original aus der Wei-Dynastie des 6. Jahrhunderts. Und obwohl es sich um eine Touristenattraktion handelt, bedeutet das nicht, dass - abgesehen von Feuerlöschern - besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden. Einmal oben gibt es, wenn viele Besucher da sind, kein Zurück mehr und ob man will oder nicht, man muss weiter. Ein schmaler Gang führt an den kleinen Hallen vorbei, rechts ein kniehohes Geländer, dahinter nur die Tiefe. Ab und an sieht man durch die Fugen im Bretterboden die Menschen unterhalb einem selbst, sie sind klein.

Was gefährlich klingt ist, jedoch im Endeffekt halb so wild und wer den Aufstieg wagt, erhält eine grandiose Aussicht. Zahlreiche Details wie Schnitzverziehungen oder Dachziegel sind zu entdecken und natürlich fasziniert die Konstruktion an sich aus nächster Nähe noch viel mehr. Die Trockenheit der Region erhält sie seit 15 Jahrhunderten.

„Man würde wahrscheinlich fragen, warum man so ein Kloster an der Felswand baute. Die Antwort: unter dem Hängenden Kloster verlief die damalige Verkehrsader. Man baute das Kloster an der Felswand in der Nähe der Verkehrsader, damit die Pilger leicht herfinden konnten- Außerdem gibt es zu Fuß des Berges, an dem sich das Kloster befindet, einen Fluss. In der damaligen Zeit kam es oft zu heftigem Regen und Überschwemmungen. Man glaubte, dass ein goldener Drache die Überschwemmungen her brachte. Dann kam man auf die Idee, buddhistische Pagoden zu errichten, um den Drachen zu bändigen. Deswegen baute man an jener Stelle das Hängende Kloster.“
schreibt Radio China International
Da hängt es, das hängende Kloster.
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(Bild 1/9) Da hängt es, das hängende Kloster.
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Toiletten in China

Auf der Weiterfahrt nach Dàtóng machen wir in einem Restaurant in einer Seitenstraße eines unbenannten Ortes halt. Mir ist völlig unklar, wo die Straßendörfer enden und die Orte beginnen und wahrscheinlich wissen das die hier Lebenden auch nicht so ganz genau.

Das Restaurant ist klein und ungemütlich, aber selbst hier, mitten auf dem platten Land stehen wie überall mehrere junge Damen im Kleid am Eingang, deren einzige Aufgabe die Begrüßung der Gäste ist.

Nun ist zwar die Toilettensituation in ganz China in der Regel katastrophal, doch hier kommt eine weitere Kuriosität hinzu: Zwischen der Anrichte, auf der das Buffet steht und den Pissoirs ist nur ein Türrahmen mit transparentem Vorhang aus vergilbtem Plastik. Es bedürfte nur wenig, um die Situation nach meinen westlich geprägten Maßstäben "besser" zu machen, doch hier scheint sich niemand daran zu stören. Kurios bleibt es dennoch, zumal ich in einem Land bin, in dem sich auch verheiratete Paare traditionell nicht öffentlich küssen.

Die Holzpagode bei Yingxian

Gebaut im Jahre 1056, 67,3 Meter hoch und nicht ein einziger Nagel: 70 Kilometer von Dàtóng entfernt folgt nach dem Mittagessen der nächste historische Superlativ. Nahe der Stadt Yingxian steht die höchste Holzpagode der Welt und trotz ihres unglaublichen Alters hat die Konstruktion aus Ulmen und Kiefern nicht nur die Zeit, sondern auch alle Kriege und zahlreiche Erdbeben überstanden.

Und das ist auch gut so, denn die Restauration gestaltet sich derzeit noch als völlig unlösbar. Seit 30 Jahren wird die Pagode von einem Professor der Universität in Běijīng untersucht und erforscht, wie genau sie jedoch aufgebaut ist, darüber herrscht bis heute keine Klarheit. "Würden wir sie auseinanderbauen, um sie zu reparieren" erzählt Führerin Li, "wir würden sie nicht mehr zusammensetzen können."

Mongolischer Feuertopf im Grenzgebiet

Als wir schließlich in Dàtóng ankommen und im Hotel eingecheckt haben, dämmert es bereits. Von hier aus sind es nur noch 400km bis zur Mongolei und in den Dimensionen Chinas spricht man schon von Grenzgebiet. Dementsprechend gibt es abends dann auch eine typische Spezialität aus dem Land der Reiter: einen Mongolischen Feuertopf. In der Mitte des runden Tisches brodelt auf einer versenkten Gasflamme ein großer Topf ähnlich denen, wie ich sie im historischen Museum Tàiyuáns gesehen habe. Er ist in der Mitte geteilt, links kocht reines Wasser, rechts ist es chilirot gefärbt.

Dann kommen nach und nach Fleischstückchen, Teig und Gemüse ins Wasser, die auf Grund der hohen Temperatur innerhalb kürzester Zeit fertig sein. Eine der Bedienungen zieht direkt am Tisch Nudeln und nach dem ersten Kosten wünsche ich mir für einen Moment Mongole zu sein. Je länger sich das Essen zieht, desto schärfer werden die fertigen Speisen und im ganzen Körper breitet sich eine unheimliche Wärme aus. Es ist gut vorstellbar, wie sich die mongolischen Reiter mit diesem einfachen aber wirkungsvollen Gericht die Kälte der Steppe vertrieben und es auch noch heute tun.

Nach so gutem Essen lasse ich den Tag mit einem Spaziergang durch das nächtliche Dàtóng ausklingen. Wie auch in Běijīng sind hier die Straßen auch noch spät abends bevölkert und die Menschen sitzen bei Grillspießchen und Bier auf der Straße. Und auch hier ist wieder die Freundlichkeit der Leute auffällig. Natürlich falle ich als Fremder auf und werde selbstbewusst und herzlich vielfach gegrüßt. Ich bedaure sehr, keine gemeinsame Sprachgrundlage zu haben, mit Sicherheit gäbe es viele interessante Dinge zu erfahren. Obwohl ich noch kaum etwas von der Stadt gesehen habe, fühle ich mich hier an diesem Abend absolut wohl und auf überraschende Art und Weise "richtig". Ich notiere mir in mein Moleskine, dass ich wiederkommen möchte und gehe dann schlafen.

Während ab vier Sternen die Toiletten in Hotels meist in etwa europäischem Standard entsprechen, so haben alle öffentlichen Toiletten etwas gemeinsam: kein Papier. Seit der Toilettenreform in den 1990er Jahren sind zwar öffentliche Klos weitgehend kostenlos, aber dafür auch unter dem Motto BYO, bring your own. Der Zustand der Örtchen ist dann in der Regel so katastrophal, dass man selbst die Zugtoiletten in Deutschland zu schätzen lernt. Wer also hier besonders heikel ist, dem sei geraten, für die Zeit seines Aufenthalts in China den Stoffwechsel besser einzustellen.
Tipps zum Thema bei thebeijingguide.com
Auf dem Weg nach Dàtóng.
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(Bild 1/6) Auf dem Weg nach Dàtóng.
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Dàtóng bei Nacht I
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(Bild 1/6) Dàtóng bei Nacht I
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Die Straßen von Dàtóng

Seit Jahrhunderten leben in Dàtóng die verschiedensten Minderheiten friedlich zusammen. So prägte sich auch der Name der Stadt mit über 2.000jähriger Geschichte: "Da" steht für groß, "Tong" für Gleichgewicht. Heute zählt Dàtóng 1,57 Millionen Einwohner, zu den wichtigsten Kohleabbauzentren Chinas und ist laut Forbes die drittdreckigste Stadt der Welt.

Ich nutze den frühen Morgen für einen Spaziergang durch die Straßen, dieses Mal bei Tag. Obwohl sich im Zentrum der Stadt ein internationales 5-Sterne-Hotel befindet, falle ich im Gegensatz zu Běijīng hier wie ein bunter Hund auf. Die Greise, die auf den Treppen vor den Häusern sitzen, mustern mich interessiert, junge Mädchen grinsen mich von der gegenüberliegenden Straßenseite an und mehrere halbstarke junge Männer sagen "Hello". Ich grüße zurück und die Jungen wiederholen meine Antwort in exakt meinem Tonfall. Zunächst bin ich irritiert und überlege, ob sie sich einen Spaß machen. Erst dann verstehe ich, dass sie mich imitieren möchten. In der Chinesischen Sprache spielt die Betonung - fallend oder steigend, stumm, stimmhaft und noch vieles mehr - eine solch große Bedeutung, dass sie versuchen, mein "Hello" so exakt wie möglich zu kopieren. Die nächste Gruppe grüße ich mit einem "Hello" in absteigender Betonung und tatsächlich bekomme ich ein Echo zurück. Wie auch in der Nacht zuvor fällt mir die Freundlichkeit der Menschen noch viel stärker auf als an anderen Orten.

Die Straßen sind voll und zumindest in der Innenstadt fest in der Hand unzähliger Modegeschäfte und bei weitem nicht so dreckig wie befürchtet. Die tatsächliche Verschmutzung konzentriert sich auf die Vorstädte und unsichtbaren Umweltgifte. Vor den schicken In-Läden mit den westlichen Markenklamotten und der Popmusik fährt ein Eselkarren vorbei. Ihm schaut ein Vagabund mit drei Äffchen an der Kette hinterher, der am Straßenrand sitzt. Die Vögel zwitschern, die Autos hupen, Kohlestaub liegt in der Luft. Es ist tatsächlich friedlich hier.

Das Huyan-Kloster

Am Vormittag ist die Besichtigung des Huyan-Klosters geplant. Die ursprüngliche Anlage ist heute in das Untere Huyan-Kloster und das Obere Huyan-Kloster geteilt. Zu besichtigen ist nur ersteres, während im Oberen Huyan-Kloster noch 10 Mönche leben. Im Krieg zweier Minderheiten - zu einer Zeit, zu der Dàtóng wohl noch nicht friedlich war - wurde auch hier viel zerstört und so sind nur noch die Tempel erhalten, in denen ein Museum die Geschichte der Anlage erzählt. Auch wenn die Anlage schön ist stellt sich doch mittlerweile eine gewisse Tempelmüdigkeit ein. Ich genieße dafür die Ruhe und das Vogelgezwitscher von den Bäumen. Obwohl es noch vormittags ist, herrscht eine schwüle Hitze.

Dàtóng - 大同市
1.400.000 Einwohner, 1.200 Meter über dem Meeresspiegel, 14.176 km² Fläche, 300 km von Běijīng entfernt, kreisfreie Stadt und wie alles in der Provinz Shanxi tief im Geschäft mit Kohle.
Kurzes Video der Innenstadt.
Die Hauptstraße in Dàtóng.
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(Bild 1/12) Die Hauptstraße in Dàtóng.
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Mein Lieblingsbild: ein traditionelles, schmuddeliges Lädchen und kapitalistische Hochglanz-Schuhwerbung mit laszivem Model.
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(Bild 1/8) Mein Lieblingsbild: ein traditionelles, schmuddeliges Lädchen und kapitalistische Hochglanz-Schuhwerbung mit laszivem Model.
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Die Yungang-Grotten

Noch mehr Weltkulturerbe: Nur wenige Kilometer außerhalb Dàtóngs liegt einer der wichtigsten Plätze des chinesischen Buddhismus. Zwischen 460 - 525 n. Chr entstanden in einem Sandsteinhang insgesamt 252 Höhlen, Grotten und Nischen, in denen teils Figuren monumentalen Ausmaßes stehen. Über 17 Meter misst die größte der Buddhastatuen und rings herum sind in der künstlichen Höhle abertausende kleine Figuren in den Stein geschnitzt. Über 51.000 Statuen insgesamt sind auf dem einen Kilometer langen Abschnitt zu finden, von dem nur Teile zu besichtigen sind.

Die Figuren erzählen die Geschichte des Buddhismus und sind so reich verziert, dass mir der Begriff "Buddhistischer Barock" in den Sinn kommt. Und tatsächlich gibt es durchaus Parallelen in der Art der Aufbereitung: Geflügelte, gute Wesen schweben am Himmel, die Hauptpersonen sind in doppelter Größe abgebildet und an Farbe und Verzierung wird nicht gespart.

Die meisten der Statuen weisen daumengroße Löcher in regelmäßigen Abständen auf. Sie sind das Ergebnis einer erfolglosen Schutzmaßname. In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts versuchte die Regierung, den porösen Sandstein mit einer darüber liegenden Lehmschicht zu konservieren. Gehalten wurde diese mit Dübeln, die in den Stein getrieben wurden. Das Lehmexperiment ist längst beendet, die Dübellöcher jedoch leider für alle Ewigkeit vorhanden. Regen, Wind und der intensive Kohleabbau machen dem Weltkulturerbe schwer zu schaffen, echte Lösungen gibt es bisher keine.

Eine chinesische Massage

Auf dem Weg in Richtung Parkplatz fallen die ersten Regentropfen. Der Himmel hat sich nach einem äußerst schwülen Tag komplett zugezogen und es dauert nicht lange, bis aus den ersten Regentropfen dichter prasselnder Sturmregen wird. Innerhalb kürzester Zeit sind die Straßen überflutet und Wasser steht zentimeterhoch. Der trockene Boden kann die Mengen an Wasser nicht aufnehmen und auch die Kanalisation ist dafür nicht gemacht. Würde es lange so weiterregnen, dauerte es nicht lange, bis es zu jenen Überschwemmungen kommt, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt. Mittlerweile donnert es nur Augenblicke nach dem Blitz und plötzlich schlägt mit grellem Licht circa 600 Meter vor uns der Blitz in eine Gleisanlage der parallel zur Straße verlaufenden Bahnlinie ein. Für zwei Sekunden schwebt eine Kugel aus Licht über dem Boden, dann schlagen meterhohe Flammen aus der Hütte direkt daneben. Dann verschwindet die Szene aus dem Sichtfeld der Schnellstraße.

Nach einer halben Stunde lässt der Regen nach und der Himmel klart etwas auf. Es ist bis zur Rückfahrt noch etwas Zeit und Li empfiehlt die chinesische Massage ihrer Heimatstadt. 140,- Yuan kosten 80 Minuten, umgerechnet 14,- Euro. Auch wenn ich sonst nur schwer für Massagen zu begeistern bin, so gibt es doch keine bessere Gelegenheit, als sich in China überzeugen zu lassen.

Im Massagesalon gibt es zunächst mit Einwegplastiktütchen ausgelegte Hausschuhe, dann einen Holzzuber für das Fußbad. Wir sind in einem Raum im Obergeschoss, in dem 10 Sessel in einer Reihe stehen und sollen Platz nehmen. Nach kürzester Zeit gebe ich mein Vorurteil, dass ich Massagen nicht mag auf. Die Kraft, die die jungen Frauen in ihren Händen haben, ist unglaublich. Füße, Waden, Arme und Kopf gehören zum Programm und trotz der Schwerstarbeit, die sie verrichten, lachen und reden sie untereinander grinsend. Als Li hereinschaut verstummen sie plötzlich und wir müssen anfangen zu lachen. Ein Mitreisender fragt, ob sie nicht übersetzen könne, was die jungen Frauen so erheitert. Zuerst möchte keine antworten, dann traut sich eine optisch etwas extrovertiertere und Li grinst: "Die schönen Männer" und zeigt auf mich und einen Mitreisenden. Ich bin sehr geschmeichelt.

Mit einer Kopfmassage endet nach über 80 Minuten die Behandlung. Ich fühle mich erholt und frisch und meine durcheinander gekommenen Locken tragen zur allgemeinen Erheiterung bei. Den Frauen gebührt größter Respekt und ich habe auf gewisse Art und Weise Mitleid mit ihnen. Wohl kaum jemand möchte alle Touristen, die man so sieht, so lange und intensiv anfassen und so ist es kein Wunder, dass sie sich über schlanke Europäer in jungen Jahren freuen.

Abendessen in kurioser Atmosphäre

Frisch ausgeruht und entspannt ist es mittlerweile Zeit fürs Abendessen. Li empfiehlt ein Restaurant, bei dem Bekannte arbeiten. Schon von außen ist es irgendwie anders als die anderen Restaurants, die ich bisher gesehen habe, aber noch fällt mir nichts konkret auf. Im Inneren ist es dunkler als sonst, Pflanzen ranken über die Gänge und bilden tunnelartige Wegsysteme, zu deren Seiten ein kleiner Wasserlauf fließt. Die Servicekräfte sind hier noch strenger angezogen als sonst und vor allem: Sie alle tragen Uniformen. Keine Schmuck- oder Zieruniformen, sondern echte Camouflageuniformen in Waldtarn. In einem ruhigen Augenblick frage ich Li, wie es dazu kommt, ob wir in einem Themenrestaurant gelandet sind. Doch dem ist nicht so: Betreiber des Restaurants ist die Volksbefreiungsarmee der Volksrepublik China! Die Atmosphäre ist irgendwo zwischen exotisch und befremdlich, das Essen jedoch gut. Erst gegen neun verlassen wir das Restaurant in Richtung Bahnhof. Der Nachtzug nach Běijīng wird in einer Stunde abfahren.

„Ursprünglich schützten hölzerne Tempelbauten die Buddhahöhlen. "Die Berge sind geöffnet. Im Osten liegt ein Männerkloster, groß genug um 3000 Leute zu beherbergen, im Westen ein Nonnenkloster. Das steile Kliff ist eine Bienenwabe von Nischen und Höhlen. Im Weihrauchdunst schauen die Tempel einander an." So eine Beschreibung Yungangs aus dem 6. Jahrhundert.“
Begleitende Webseite zu einem SWR-Film über die Grotten.
Ist es noch Aquaplaning oder schon schwimmen?
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(Bild 1/4) Ist es noch Aquaplaning oder schon schwimmen?
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