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Fahrt nach Wǔtái Shān

Unterwegs nach Wǔtái Shān und dessen Klöster

Die Meldung kommt gegen Ende Juli 2007 in Europa an: In chinesischen Ziegeleien wurden und werden hunderte Menschen wie Sklaven gehalten und zur Arbeit gezwungen. Ich lese als ich wieder in Deutschland bin die Artikel, sehe die Pressefotografien und vergleiche sie mit denen auf meinen Speicherkarten. Keine der Aufnahmen vermag die Armut in weiten Teilen Shanxis tatsächlich zu vermitteln. Nicht eine einzige.

Tief im Norden, wo die Sonne verstaubt

Als wir am Morgen Tàiyuán verlassen, ist die gesamte Stadt in Staub gehüllt. Sichtbare Schwaden aus feinen Partikeln wehen durch die Straßen. Die riesigen Ziegeleien, die durch den Sedimentabbau die Luftverschmutzung verursachen, rücken bis ganz an den Rand der Millionenstadt. Millionen und Abermillionen an Ziegeln werden hier produziert, selbst in den Gefängnissen. Zynischerweise ist es ausgerechnet der Lebensunterhalt der Menschen, der sie nicht alt werden lässt.

Wir fahren nach Norden und stoßen dort auf die erste "richtige" Autobahn. Diese zieht sich durch beinahe ganz China und es gibt sogar einen befestigten Mittelstreifen. Aber auch hier, bei knapp 120 Stundenkilometern ist man weder angeschnallt, noch fühlt man sich verkehrstechnisch sonderlich sicher.

Auf der Überholspur parkt ein Tankwagen und alle paar Kilometer warten rechts und links Menschen darauf, abgeholt zu werden. Am Fahrbahnrand befindet sich zwar ganz modern ein Lärmschutzwall, dieser ist jedoch von der Straße statt mit einem Standstreifen mit einem Betongraben abgetrennt.

Mit zunehmendem Abstand zu Tàiyuán wird die Landschaft immer zerklüfteter. Aber selbst hier, völlig abgelegen im Niemandsland steht an der Seite ein Tankwagen und Gärtner gießen die noch jungen Bäume, die zu tausenden vor nicht allzulanger Zeit gesetzt wurden. Hier, wo alles neu ist, ist es wieder so sauber und ordentlich, wie ich es in Běijīng kennen gelernt habe.

Weiter über Land

Um nach Wǔtái Shān zu gelangen müssen wir nach kurzer Zeit die Autobahn leider verlassen. Plötzlich sind wir wieder inmitten der kaputten Häuserzeilen, mit dem Unterschied, dass je weiter wir nach Norden kommen, die Armut und der Dreck noch weiter zunimmt. Für einen kurzen Tankstopp halten wir an einem namenlosen Ort. 84 Kilometer von Tàiyuán entfernt gibt es hier nur von einem reichlich: Verkehr. Obwohl wir mitten auf dem platten Land sind muss ich minutenlang warten, bis ich die Straße zu Fuß überqueren kann.

Links und rechts säumen Kleinststände den Weg. Frauen und Männer verkaufen einzelne Früchte, fast immer nur 20 oder 30 Stück insgesamt im Angebot. Alle Stände bieten das völlig Identische feil, oft nur 70 bis 100 Meter voneinander entfernt auf vielen Kilometern Länge. Nicht zu sagen, wie diese Menschen über die Runden kommen können.

30 Kilometer und dutzende Baustellen später geraten wir in einen Stau. Die Wagen stehen kreuz und quer auf ungefähr drei bis vier Spuren, wo normalerweise eine ist. Obwohl es völlig aussichtslos ist, drängen die Fahrer in jede noch so kleine Lücke, die sich durch heftiges Rangieren auftut. Trotz des Durcheinanders bleiben alle relativ ruhig, und was ich für absolut und völlig ausgeschlossen hielt, klappt: wir wenden und fahren auf einer noch kleineren, noch weniger befestigten Parallelstraße weiter.

Ganz unten

Staub. So dicht wie Herbstnebel liegt einfach alles unter Staub. Die endlose Lastwagenkolonne vor und hinter uns, die Hütten, die Menschen. Der Bus schießt über die Buckelpiste und ich höre auf zu fotografieren. Selbst wenn eine Aufnahme durch den Staub gelänge, ich wüsste nicht, wo anfangen und wo aufhören. Eigentlich gibt es hier ja auch nichts, aber gerade das ist es. Trotz geschlossener Fenster dringt der Dreck ins Auto und die Lungen, Stoßstange an Stoßstange schieben sich mit Schutt und Steinen beladene LKW an den Hütten vorbei und wirbeln noch mehr Staub auf. Nur wenige Meter vom Straßenrand entfernt findet eine Beerdigung statt.

200 km Luftlinie, 6 Stunden Fahrt
Der Weg führt von Tàiyuán immer Richtung Norden; weite Teile der Straße sind schlecht.
Fahrradfahrerin in Tàiyuán
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(Bild 1/4) Fahrradfahrerin in Tàiyuán
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„Die Nachrichtenagentur Xinhua meldete am Samstag, die Polizei habe mittlerweile mehr als 540 Menschen aus Ziegeleien und Bergwerken in den Provinzen Shanxi und Henan befreit. 120 Verdächtige wurden festgenommen. [...] Die Besitzer der Ziegeleien führten die Betriebe wie Gefängnisse. So wurden offenbar aggressive Hunde eingesetzt, sowie Wachen, die die Kinder willkürlich verprügelten. Ein Ziegelei-Besitzer habe versehentlich ein Kind mit einer Schaufel erschlagen und die Leiche nachts verscharrt.“
Die Nachricht von Sklaven in den Ziegeleien Shanxis geht um die Welt.
Nirgendwo entlang der Landstraße.
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(Bild 1/6) Nirgendwo entlang der Landstraße.
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Aufstieg

Langsam werden die Straßen besser und wir lassen die letzten Dörfer hinter uns. Es geht spürbar aufwärts und je weiter wir kommen, desto klarer wird auch wieder die Luft. Noch einmal passieren wir ein Dorf mit Industrieverkehr und einem kleinen Stau, dann hat auch dies ein Ende.

Immer weiter steigen wir auf und befinden uns mittlerweile inmitten der Berge. Die Wege sind asphaltiert und so geht es zügig voran. 1.500, 1.700, bald 1.900 Meter über dem Meeresspiegel. Als die ersten Serpentinen beginnen, gibt es die erste Gelegenheit für Blicke ins Tal. Die Aussicht ist fantastisch und die Sicht klar und weit. Nach den Erlebnissen im Tal kommt mir die Luft noch viel klarer und angenehmer vor, als sie tatsächlich ist. Eine Kuh frisst friedlich am Straßenrand, eine zweite steht auf dem Seitenstreifen.

Die Sonne scheint, es ist heiß und der Fahrtwind kühlt angenehm. Ich möchte am liebsten anhalten und stundenlang einfach nur schauen. Hier, vermeintlich fernab des Elends im Tal.

Die drei weiteren heiligen Berge des Buddhismus' neben dem Wǔtái Shān sind Huà Shān in der Provinz Shaanxi, Putuo Shan vor Schanghai sowie Éméi Shān in Sichuan.
Das Gebiet um Wǔtái Shān auf Google Maps
Der letzte Stau auf dem Weg nach oben.
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(Bild 1/6) Der letzte Stau auf dem Weg nach oben.
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Ankunft am Wǔtái Shān

Wǔtái Shān, der „Fünf-Terrassen-Berg“, ist einer von vier im Buddhismus heiligen Bergen. Mit 3.058 Metern ist der Gipfel der höchste Punkt Nordostchinas und mit unter 10° Celsius Durchschnittstemperatur im Sommer nicht unbedingt der wärmste. Und tatsächlich schlägt, als wir den Pass überquert und den Eintritt bezahlt haben, das Wetter plötzlich um. Von 35° Celsius und Sonnenschein keine Spur mehr, Gewitterwolken ziehen auf.

Der Besuch zweier Klosteranlagen ist dementsprechend eine eher nasse Angelegenheit. Mittlerweile ist es - obwohl mitten am Tag - dunkel wie während der Dämmerung und es regnet stark. Zahlreiche hauptsächlich chinesische Touristen drängen sich mit Schirmen unter die Dächer. Nicht allzu weit entfernt schlägt der Blitz ein.

Wir beschränken uns auf die wichtigsten Gebäude und steigen dann langsam ab zu einem weiteren Kloster. Durch seine große Bedeutung im Buddhismus liegen rund um den Wǔtái Shān zahlreiche religiöse Stätten. In einer Halle verkauft ein Mönch Stücke aus Stoff, die - je nach Größe - viel oder etwas weniger Glück bringen. Ich denke über Mitbringsel nach, verwerfe jedoch den Gedanken, als ich erfahre, dass bereits kleines Glück umgerechnet 10,- Euro kostet.

Viele Wandermönche sind unterwegs und im Gegensatz zu vielen der anderen besichtigten Klöster herrscht hier Hochbetrieb. Eine Weile kann ich einer religiösen Zeremonie folgen und ärgere mich über westliche Touristen, welche die Bitte nach zu unterlassendem Fotografieren ausschlagen. In den Hallen der Gebäude sind teils gigantische Statuen zu sehen, die 12 Meter Höhe und mehr erreichen. Verziert sind die jahrhundertealten Figuren mit Swastika-Zeichen, die trotz des Wissens um ihre Bedeutung und Herkunft einen befremdlichen Eindruck hinterlassen. Nass und erschöpft freue ich mich auf etwas Ruhe im Hotel.

Landeskategorie

Wer auf beste Hotels besteht, muss an der Nordsee oder in Starnberg Urlaub machen und darf nicht aufs chinesische Land fahren. Innerlich hatte ich mich also auf heruntergekommene Low-Class eingestellt, fand dann aber immer erstaunlich gute Zimmer vor. Die Unterkunft am Wǔtái Shān entspricht da schon eher den Vorstellungen. Das gesamte Hotel ist mit nur 20 Watt Energiesparlampen ausgerüstet und die Gänge sind mehr als nur schaurig dämmerig. Ein Stück Tapete ist über dem Bett abgerissen, das abgerissene Stück wurde einfach wieder aufgeklebt. Wo früher einmal Fugenkitt war, ist jetzt rings um die Dusche Schimmel. Für heute egal. Ich dusche mangels Warmwassers kalt und gehe schlafen. Auch wenn ich heute kaum gelaufen bin war es ein anstrengender Tag.

Mindestens 14.000 Jahre ist das Swastikasymbol alt und weltweit verbreitet. Trotzdem kommt man nicht umher, für eine Sekunde zu stutzen, wenn großformatige Sonnenradzeichen auf jahrhundertealten Relikten prangen. Die abgewandelte Variante des NS-Hakenkreuzes ist in Indien zum Beispiel beinahe unbekannt und auch in China trifft man relativ oft auf rechts- oder linksdrehende Swastika. Im chinesischen Alphabet steht es für Myriaden, Unendlichkeit. Packungen mit Lebensmitteln, auf denen das Symbol erscheint, enthalten Produkte, die rein vegetarisch hergestellt wurden.
Mehr zum Thema Swastika und Hakenkreuz bei Wikipedia.
Wandermönche auf ihrem Weg.
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(Bild 1/8) Wandermönche auf ihrem Weg.
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