zurück zur Übersicht
Der Sommerpalast, nur ohne Sommer

Mit dem Zug nach Běijīng

Der Bahnhof in Dàtóng besteht im Wesentlichen aus zwei großen Wartehallen, einer Treppe und einem Laden, in dem es von Rasierklingen über Zahnbürsten bis hin zu Zeitschriften alles gibt, was man auf einer Bahnfahrt so brauchen könnte. Wie früher auch in Deutschland darf das Bahnhofsgelände nur mit gültiger Fahrkarte betreten werden und die Koffer werden - eher weniger denn mehr - auf Sprengstoff durchleuchtet. Wer einmal diese Hürde passiert hat, kann nur noch warten.

Die erste und zweite Klasse ist hier streng getrennt. Da wir Tickets für Schlafwagen der 1. Klasse haben, haben wir einen extra Warteraum, in dem überlaut ein Fernseher mit Werbung läuft. Lange halte ich es nicht aus und entschließe mich zu einem Spaziergang durch den Bahnhof. Die Großraumwartehallen, in denen Bank an Bank steht, sind übervoll. 400 Menschen sind es bestimmt, die jeweils in einem der beiden Säle sitzen. Wir sind die einzigen Europäer an diesem Abend und so haften 800 Augen an mir, als ich durch den Warteraum schlendere. Ich fotografiere die kuriosen Verhaltensregeln in Form eines Comics, das war es dann aber auch schon an Interessantem und so verbringe ich die restliche Zeit mit einem Buch.

Der Zug kommt pünktllich. Der Schlafwagen ist eben ein Schlafwagen, wie man ihn kennt und auch nicht groß unterschiedlich zu europäischen Bahnen. Das Bettzeug scheint zwar nicht oder nur schlecht gewaschen, aber es ist spät und eine andere Wahl gibt es ja sowieso nicht, darauf muss man sich einstellen. Richtig widerlich ist jedoch die andauernde Spuckerei vieler Chinesen. Ist diese bereits auf der Straße sehr unangenehm, so machen viele auch nicht vor dem Teppichboden im fahrenden Zug halt. Alle Bemühungen der Regierung, diese Unsitte ihren Bürgern abzugewöhnen schlagen bisher fehl.

Ich habe das Glück, überall schlafen zu können und so bin ich tatsächlich ansatzweise erholt, als der Zug kurz vor fünf in Běijīng einrollt. In Dàtóng ist es der Kohlestaub, hier ist es der Smog, der in den endlosen Hochhausreihen hängt. Der Bahnhof selbst liegt unter der Erde und hat den Charme eines Luftschutzbunkers. Nebelschwaden hängen in den langen, niedrigen Gängen und Hallen. Und es ist stickig. Vor dem Ausgang sitzen und liegen hunderte Menschen. Ich frage mich, ob es Reisende sind, die auf ihre Züge warten, Händler oder Obdachlose. Wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Hier unter freiem Himmel ist es noch stickiger als im Gebäude selbst und der Smog nimmt einem den Atem. Willkommen zurück.

„Ulan Ude - Ulan Bator - Datong - Peking“
Dàtóng ist Zwischenstopp der Transmongolischen Eisenbahn
Hoffentlich steht hier nichts Wichtiges.
zurück
(Bild 1/5) Hoffentlich steht hier nichts Wichtiges.
weiter
Menschenmassen im Neuen Sommerpalast.
zurück
(Bild 1/7) Menschenmassen im Neuen Sommerpalast.
weiter

Der Sommerpalast

Der Sommerpalast soll ein Höhepunkt der chinesischen Gartenbaukunst sein. Ist er wahrscheinlich auch, mir bleibt dieser Höhepunkt allerdings leider verschlossen. Und das nicht, weil die neu entdeckte Liebe zur Flora bereits wieder abgeklungen wäre, sondern weil der Nebel so extrem dicht über dem Boden hängt, dass außer den Touristenmassen vor und hinter mir nichts zu sehen ist.

Von letzterem gibt es dafür um so mehr. Gerade aus der Provinz kommend fallen mir die Unmengen an Reisegruppen umso stärker auf. Fähnchen neben Fähnchen trotten Klischeetouristen hinter ihren Führen her, ohne auch ein einziges Mal zur Seite zu sehen. Auf jeden von ihnen kommt gefühlt ein Rolexhändler. Diese sind unheimlich penetrant und nicht minder erfolgreich, nachdem man sich genügend über das Händlergschmeiß aufgeregt hat, nimmt man noch schnell 5 Uhren für 100 Yuan oder ein Guccitäschchen mit, die Kolleginnen im Büro werden neidisch sein. Für das, was links und rechts des Weges liegt, hat niemand ein Auge.

Meine Laune hellt sich auf, als ich zufällig Zeuge einer kuriosen Szene werde. Eine amerikanische Reisegruppe kommt mir entgegen, dem chinesischen Führer folgend, der Stars and Stripes in die Höhe reckt. Selbstbewusst bis arrogant schieben sie die übergewichtigen Leiber, die leider jedes Klischee erfüllen und von "9/11 - We will always remember"-Shirts in Form gehalten werden, an mir vorbei. Mit etwas Abstand watschelt eine besonders korpulente Frau mit martialischem Weißkopfseeadleraufdruck auf der Brust hinterher, ohne einmal nach links und rechts zu sehen. Zwei zierliche junge Chinesinnen bleiben stehen und sehen ihr erstaunt, belustigt und verwundert hinterher. Sie machen mit ihren Handys Fotos. Zu gerne würde ich wissen, mit welchen Eindrücken alle drei wieder nach Hause fahren.

Den Nachmittag nutze ich für einen ausgiebigen letzten Spaziergang durch die Stadt. Ich bin froh, die Enge der Massen hinter mir lassen zu können und laufe ziellos durch die Straßen, wohin es mich treibt. Das Wetter ist etwas besser geworden und der Regen hat aufgehört.

Das Ende einer Reise

Um sieben Uhr klingelt der unverlangte Weckruf, um neun kommt das Zimmermädchen und um zehn klopft der Manager an die Tür und bittet mich, doch nun endlich auszuchecken. Ich habe den Morgen genutzt, um alles reisefertig zu verpacken und ein paar Notizen zu ergänzen. Das Hotel liegt zu weit außerhalb, als dass ich an diesem halben Tag noch etwas hätte unternehmen können. Der Reiseveranstalter schuldet mir noch einen Gefallen und so kommt um halb elf ein Fahrer ins Foyer. Über eine Stunde und zwanzig Minuten brauchen wir bis zum Flughafen, oftmals geht es nur im Schritttempo voran. Es regnet wieder und eine Reihe von Unfällen hat sich ereignet. Als ich den Flughafen erreiche, bin ich zeitlich gerade richtig.

Ich checke problemlos ein und vertreibe mir die Wartezeit mit dem Zählen der Überwachungskameras. Bis 40 innerhalb des Checkinraumes komme ich, dann bin ich an der Reihe. Am Gate überkommt mich der unglaubliche Appetit auf "etwas Festes". So lecker das Essen war, so sehr wünsche ich mir nun, etwas zu essen, was nicht nur aus kleinen Stückchen besteht. Am Schalter "Western Food" der Großküche bestelle ich einen der besten Burger meines Lebens. "Mac China™" denke ich mir und muss grinsen. Ich werde zurückkommen.

Epilog

Noch 10 Stunden, die ich in einem Flugzeug nach Düsseldorf sitze. Ich habe rechtzeitig meinen Pass, mein Visum und die Yuán bekommen, es hat geklappt. Es klappt immer, irgendwie. Wir fliegen in 30.000 Fuß Höhe und mit 870 km/h über die Mongolei, es gibt Merlot. Wow. Es hat geklappt. Jetzt sortieren, Aufschriebe sichten, und das Reisetagebuch schreiben, das wird noch viel Arbeit. Noch 10 Stunden, die ich in einem Flugzeug nach Düsseldorf sitze. •

„Kaiser Qianlong ließ ihn 1751-1764 für eine Gesamtsumme von 4,8 Mio. Silbertael als Geschenk zum 60. Geburtstag seiner Mutter errichten. Die 290 ha große Anlage entstand auf dem Gelände des seit 1153 bestehenden ehemaligen Gartens des Goldenen Wassers und war der bevorzugte Aufenthaltsort des Kaiserhofes in den feucht-heißen Sommermonaten.“
Bilder bei gutem Wetter gibts auf Wikipedia.
Burger
Endlich wieder feste Nahrungsmittel!
Kontakt per E-Mail