
Wie können die Menschen, die hier wohnen überhaupt leben? Wie können Sie überleben? Ich habe keine Ahnung. China, das Entwicklungsland - hier, entlang der Straßen in der Provinz findet sie nicht statt, die Entwicklung. Aber sie war einmal da. Und wie.
38 Millionenstädte gibt es in der Volksrepublik China. Tàiyuán ist eine davon und man vergisst es schnell, wenn man hier durch die Straßen geht. Was dort ländlich wirkt, ist kein Vergleich zu dem, was tatsächlich auf dem Land zu finden ist.
Wir verlassen die Stadt Richtung Süden und sind auf dem Weg ins 70 Kilometer entfernte Píngyáo. 70 Kilometer auf einer Straße, die zwar weniger voll, aber auch in weniger gutem Zustand als in der Hauptstadt ist. Ungefähr drei Spuren gibt es hier, eine Richtung Píngyáo, eine Richtung Tàiyuán und eine Überholspur für beide Richtungen. Manchmal sind es aber auch vier oder nur zwei Spuren, die sich gerade bilden, eingezeichnet sind ja sowieso keine und so hupt der Fahrer eben, wenn wieder ein vollbeladener LKW auf frontalem Kollisionskurs ist.
Rechts und links der Straße ziehen sich über die gesamte Strecke Tankstellen, vermeintliche Werkstätten und Häuser, deren Zweck sich nicht erahnen lässt. Es ist unmöglich zu erkennen, ob sie noch nicht fertig gebaut oder noch nicht abgerissen sind, doch man sieht, dass sie sich schon lange in diesem Zwischenstatus befinden.
Auf den Vorhöfen stapelt sich das Potpourri der dreckigsten Abfälle: Halden mit Bauschutt und Dreck-Kohlegemisch türmen sich vor den Hauseingängen, Papierabfälle werden vom Wind weitergetrieben und vom Regen zu unförmigen Blöcken geschmolzen. Plastikabfälle, Dosen, Zigaretten und Hausmüll, Bioabfälle und Schlacke liegen hier herum. Rußgeschwärzte junge Männer steigen mit Schweißgeräten auf abenteuerlichen LKW-Gerippen umher, andere sitzen schlicht godotesk wartend am Straßenrand. Kilometer um Kilometer ziehen diese belebten und bewohnten Müllhalden am Fenster vorbei, Stände mit kalten Getränken hoffen auf anhaltende Fernfahrer.
Irgendwann halten auch wir an, das Benzin geht zur Neige und ein beherztes Abbiegen über die Gegenfahrbahn bringt uns zu "Petro Chaqqun", einer der dutzenden Tankstellen gigantischen Ausmaßes entlang des Weges. 24 Zapfsäulen stehen zur Verfügung, doch wir sind die einzigen Kunden an diesem Morgen. In ohrenbetäubender Lautstärke läuft chinesische Technomusik und acht junge Mädchen in der Serviceuniform kommen angelaufen. Ihre einzige Aufgabe ist, die tankenden Kunden zu begrüßen und Ihnen Getränke und Snacks anzubieten. Viele Europäer scheinen hier nicht vorbeizukommen, die Mädchen tuscheln aufgeregt und grinsen über beide Ohren. Es stellt sich heraus, dass sie zwischen 19 und 23 sind, Jahre älter, als ich sie geschätzt hätte. Als wir den Hof verlassen, rennen sie winkend hinterher. Zumindest im hier und jetzt machen sie einen ungespielt glücklichen Eindruck und ich frage mich, wo sie wohl wohnen und wie ihre Leben aussehen.
In einem Sommer war die Bohnenernte reich, das Gemüse war im Überfluss gewachsen und überschwemmte nun den Markt. Die Mitglieder der Qiao-Familie kauften. Im darauf folgenden Jahr blieb die reiche Ernte aus und die Qiao-Familie verkaufte. Es war der Beginn mehrerer Generationen des Reichtums.
Wir machen Halt beim Wohnungshof der Qiao-Familie, dem Ergebnis des erfolgreichen Bohnenhandels. Von der inneren Mongolei bis nach Südchina reichten die späteren Handelsbeziehungen der Familie, die mit Waren wie Tee und Getreide ihr Vermögen kontinuierlich vergrößerte. Neben den dadurch geschaffenen Arbeitsplätzen gaben sich die Qiaos auch sonst großzügig und wurden so zu den prominentesten Millionären der Shan-Xi-Provinz.
Als in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Bodenreform das Land verteilt wurde, endete der Reichtum der mittlerweile dritten Generation und nach und nach verstreuten sich alle Familienmitglieder im Land. Heute ist ihr Wohnungshof ein Museum und die Einnahmequelle zahlreicher Händler und Touristenführer.
Der Wohnungshof selbst ist gut gepflegt und frei von Händlern. Die Anlage ist zwar nicht klein, aber in relativ kurzer Zeit zu besichtigen, da der Aufbau der Gebäude immer gleich ist. In einigen Räumen wird die Geschichte der Qiao-Familie in Dioramenform gezeigt. Kleine Figuren stehen an der Grenze zu einer Miniaturmongolei, feiern Feste oder ziehen mit Karawanen umher. In Lebensgröße hingegen sind die Wachsfiguren gestaltet, die in manchen Räumen mit Originalmobiliar stehen. Nach einem kurzen Blick in die künstliche Gartenanlage geht es weiter nach Süden, Píngyáo ist nicht mehr weit entfernt.
"Ping Yao is an exceptionally well-preserved example of a traditional Han Chinese city, founded in the 14th century. Its urban fabric shows the evolution of architectural styles and town planning in Imperial China over five centuries. Of special interest are the imposing buildings associated with banking, for which Ping Yao was the major centre for the whole of China in the 19th and early 20th centuries." schreibt die UNESCO und machte die Stadt 1997 zum Weltkulturerbe. Völlig zu Recht, denn die Stadt ist absolut faszinierend. Die sechs Kilometer lange Mauer um Píngyáo ist unbeschädigt erhalten und die Gebäude im Stadtkern sind teilweise in allerbestem Zustand. Das Yide Hotel ist das beste Beispiel dafür, es ist unsere erste Anlaufstelle und unser Ort fürs Mittagessen.
Egal in welchem Hotel in und außerhalb Chinas ich bereits war: Keines war schöner als dieses in einem unscheinbaren Seitengässchen versteckte. Sofort bedauere ich, dass wir hier nur zum Mittagessen Halt machen, doch auch dies lohnt: hier gibt es die auf der Reise bisher besten Gerichte. Zum ersten Mal gibt es auch karamellisiertes Obst, so heiß, dass jedes Stückchen für eine Minute in kaltes Wasser getaucht werden muss.
Nach dem Essen zeigt der Besitzer die Gästeräume. Durch ein kleines Tor gelangt man in einen parallel liegenden Innenhof. Hinter jeder der Türen in dem historischen Gebäude liegen winzige bis mittlere Hotelzimmer mit blütenweißen Betten, Wasserspender und leider auch einem großformatigen Fernseher. Alle Räume sind selbst für europäischen Standard sehr sauber und der Blick in den Hof lässt sich mit irgendetwas zwischen "romantisch", "historisch" und "idyllisch" beschreiben. Hierhin möchte ich zurückkommen, sage ich mir. Unbedingt.
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war nicht etwa die Hauptstadt sondern Píngyáo der Mittelpunkt der chinesischen Finanzwelt. Die erste Scheckbank wurde hier gegründet und verfügte später über Zweigstellen in ganz China sowie in Korea und Japan. Schecks und Banknoten waren ein großer Vorteil gegenüber Goldtransaktionen, vor allem der Transport wurde dadurch leichter und sicherer. Das Bankgebäude ist bis heute erhalten und zeigt nun als Museum frühe Schecks, Dokumente und Räumlichkeiten.
Ein weiteres kleines Museum zeigt die Geschichte des bewaffneten Begleitservice. In räumlicher Nähe zur Bank wurden dort junge Männer aus Familien mit tadellosem Ruf zu "Securitymännern" ausgebildet. Während sich Schecks diskret von Boten transportieren lassen, waren vor deren Einführung Goldtransporte alles andere als unauffällig. Der Begleitservice sicherte mit martialischen Waffen und jahrelanger Kung-Fu-Ausbildung diese Transporte.
Mittlerweile hat es 38° Celsius und die Sonne brennt. Das Hitzeflimmern macht den Anblick der langen Gassen noch exotischer. Die Hauptstraßen sind mit Händlern belegt. Münzen, Parteiabzeichen und Tonfiguren werden angeboten, schlussendlich aber leider nur Kram. Vor einem kleinen Laden hängt ein staubiges Hyänenfell und weil kein Besitzer zu sehen ist nutze ich die Gelegenheit, ungestört durch die staubigen Regale an der Wand stöbern zu können. Im Gegensatz zu den anderen Händlern finden sich hier bei genauem Hinsehen echte Antiquitäten. Da aber eine Ausfuhr sowieso nicht erlaubt wäre, versuche ich es lieber erst gar nicht. Im Halbdunkeln krame ich weiter und entdecke eine Maobibel. Direkt daneben im selben Format steht ein Taschenkalender mit asiatischen Pinup-Girls. Die nackten Frauen auf Hochglanzpapier scheinen nicht hier herein zu passen und ich frage mich, für welches der Bücher ich wohl mehr bezahlen müsste. Doch ich verlasse den Laden, bevor der Händler zurückkommt.
Auf dem Weg zurück und Richtung Stadtmauer wird es zwar nicht weniger heiß, aber dafür immer dunkler. Dort angekommen windet es bereits heftig und der Staub fegt durch die Gassen und mir in die Augen. Ein kurzer Blick von der Stadtmauer jedoch muss sein und diese ist in der Tat beeindruckend. Die Dimensionen des Walls sind gigantisch und um die Stadtmauer herum befindet sich zusätzlich ein Wassergraben. Eine Brücke führt darüber und wie in einer Schleuse gibt es ein erstes und ein zweites Tor, welches passiert werden muss. Zwischen diesen beiden Toren möchte man nicht eingeschlossen sein, oberhalb der 10 Meter hohen Mauern befindet sich eine Teerwanne und mehrere Eisenspießfallen. Ein letzter Blick über die Stadt, über deren Norden jetzt eine dunkelgraue Wolkenfront liegt, dann verlassen wir vorsichtshalber die Mauer, den höchsten Punkt in der näheren Umgebung.
Zum Gewitter kommt es heute jedoch nicht, ohne sich zu entladen ziehen die Wolken vorbei. Umso besser, denn nass müssen die Straßen hier unpassierbar sein. Der Minibus wackelt bedrohlich und ächzt über die Erdpiste. Am Straßenrand stehen zwar zahlreiche Arbeiter, es sieht aber dennoch nicht so aus, als wäre die Strecke demnächst in besserem Zustand.
15 Kilometer südlich der Stadt liegt Shuanglin Si, das "zwei Bäume Kloster". Über die Seidenstraße kam der Buddhismus aus Indien nach China und besonders unter den Geschäftsleuten des modernen China ist der nordchinesische Buddhismus heute wieder sehr beliebt. Die Klosteranlage ist wie alle bisher gesehenen Anlagen sehr schön und gepflegt, doch als Laie vermag ich kaum den Unterschied zu einem der anderen Klöster erkennen. Die größten Unterschiede liegen in den Details und die sind ohne intensive Vorbereitung kaum zu erkennen. Ich erfreue mich jedoch daran, dass alle Beschreibungstafeln in der Schriftart "Comic Sans" gefräst wurden und mache zur Verwunderung meiner Mitreisenden Fotos davon.
Da es am nächsten Morgen weiter nach Norden gehen soll, müssen wir zurück nach Tàiyuán. Nach dem Abendessen - hier sehe ich zum ersten Mal lebende Kröten und Hummer - mache ich einen kleinen Spaziergang. Auf dem Rückweg ist es bereits dunkel, der Verkehr nimmt jedoch nicht ab. Völlig unbeleuchtet kommt mir eine Dampfwalze entgegen.
Erst im Nachhinein wird mir die Kuriosität dieser Begegnung bewusst. Als ich jedoch an diesem Abend durch die Straßen Tàiyuáns laufe kommen mir unbeleuchtete Dampfwalzen auf der falschen Straßenseite wie das Normalste der Welt vor.