Nordkorea ist mit Sicherheit und Abstand der surrealste Staat dieser Welt. Das offizielle und ewige Staatsoberhaupt ein einbalsamierter Toter, "Regierungschef" ein todkranker Diktator mit der größten privaten VHS-Videosammlung der Welt und Atombomben - vielleicht.
Kein Wunder, dass die Grenze zwischen dem abgeschotteten Nordkorea und dem hochindustrialisierten Südkorea alles andere als normal ist. Ganz offiziell befinden sich beide Länder noch immer im Krieg, es existiert lediglich ein seit 1953 anhaltendes Waffenstillstandsabkommen. Ein vier Kilometer breiter Streifen entlang des 38. Breitengrads trennt die beiden Länder voneinander: Die DMZ. Dass diese Demilitarisierte Zone zu den am stärksten militarisierten Gebieten der Welt gehört sei nur nebenbei bemerkt.
Unsere Reise beginnt in einem Hotelflur im 5. Stock in Seoul. Ja, die telefonische Anmeldung für die DMZ-Tour ist eingegangen, sagt die Frau vom Reisebüro, jetzt bitte die Pässe. Im Flyer stehen schon einmal die Verhaltensregeln: Nicht winken, während der Fahrt nicht fotografieren, kein Teleobjektiv mitbringen, nicht weglaufen, nicht rumschreien, keine anstößigen T-Shirts tragen, keine Jeans tragen. Das mit den Jeans, so werden wir später erfahren, sähe man mittlerweile nicht mehr ganz so eng.
Der kleine Bus ist kaum besetzt. Fünf Koreaner, zwei Kanadierinnen, ein deutsches Ehepaar, ein Amerikaner. Gut 60 Minuten dauert die Fahrt von Seoul bis zur Grenze, es ist kalt und regnerisch. Der Deutsche beschwert sich, dass die Scheiben anlaufen, "not fair" sei es, wenn er auf dem Weg nichts sehe, er habe schließlich bezahlt.
Ein Mahnmal, noch ein Mahnmal, ein Aussichtspunkt und dann befahren wir hinter einer Brücke zum ersten Mal das Grenzland. Eine enge Straße schlängelt sich das bergige Gebiet nach oben. In regelmäßigen Abständen Unterstände mit einsamen Soldaten, ansonsten Ödland. Wir passieren Panzersperren auf den Bergkuppen, vorbereitet, um im Ernstfall mit einer Sprengung in Position gebracht zu werden. Es folgt die erste Passkontrolle, ein südkoreanischer Soldat mit MG über der Schulter gleicht die Namen mit einer Liste ab. Kurz darauf eine weitere Passkontrolle und wir erreichen das Lager Bonifas.
Camp Bonifas ist ein UN-Militärcamp mit koreanisch-amerikanischer Besatzung, einem Geldautomaten und einem Souvenirshop. Benannt wurde das Lager nach einem 1976 getöteten US-Soldaten, der von einem nordkoreanischen Leutnant in einem Streit über einen in der DMZ zu fällenden Baum erschlagen wurde; heute unter dem Namen "Axtmörder-Zwischenfall" bekannt.
Und dann geht es weiter, ein weiteres Mal wird an das absolute Fotografierverbot erinnert. Wir erreichen die Militärische Demarkationslinie, die absolute Grenze zwischen Süd- und Nordkorea. Mitten darauf mehrere blaue Hütten der Vereinten Nationen, links und rechts davon jeweils am anderen Ende stehen sich tagein tagaus Soldaten gegenüber. In der nebligen Ferne gerade noch zu sehen: der höchste Fahnenmast der Welt im nordkoreanischen "Friedensdorf" hinter der Grenze. Es sieht so aus, als könnte es jeden Moment wieder zu regnen anfangen.