
Heiße Nudeln, Reis und Geschnetzeltes – gerne auch scharf - dampft in den Schalen vor sich hin und findet erstaunlich viele Abnehmer. Es ist kurz nach sechs und das Frühstücksbuffet im Buddy Boutique Hotel ist üppig. Ich schmuggle heimlich ein paar Bestandteile des ebenfalls angerichteten „Continental Breakfest“ mit auf meinen Teller. Aller Kulturanpassung zum Trotze, Nudeln vor sieben sind nun wirklich nicht mein Ding.
Vierzig Minuten später stehen wir vor dem Grand China Hotel Bangkok. Der Guide klärt über die Basics auf: Linksverkehr, nie nebeneinander fahren und auf Schlaglöcher achten. Aufgesattelt! Die Fahrräder, die wir in der Tiefgarage abholen, sind top gepflegt und bestens in Schuss. Zumindest die Mountain-Bikes der Herren, denn Frauen erhalten natürlich Damenräder. Und weil sich keine energisch genug wehrt, geht es nach kurzer Feinjustierung los.
Nach dem Aufstehen zeigte mein Wecker 27° Celsius im Zimmer an und auch die „frische Luft“ ist hier nun, eine Stunde später, nicht viel kälter. Und dann mit dem Fahrrad durch den chaotischen Verkehr einer asiatischen Millionenstadt? Was zunächst Stirnrunzeln und Skepsis verursacht, wird bereits nach wenigen Minuten zu einem der Reisehighlights.
Fahrräder zählen in Thailand nicht zu den Verkehrsteilnehmern erzählt der Guide und lotst uns nach Überquerung einer größeren Straße fortan hauptsächlich durch Gässchen, die scheinbar schon kaum Platz für die bereits vorhandenen Passanten bieten. Scheinbar, denn tatsächlich kommen wir flüssig voran, ganz selbstverständlich wird freundlich Platz gemacht oder wir halten an und warten, bis der Gegenverkehr vorbei ist.
Wir sind mitten in Bangkoks Chinatown und am dazugehörigen chinesischen Tempel machen wir nach wenigen Minuten unsere ersten kurze Halt. Was ich schon in China feststellte, gilt auch in Thailand: Kennst du einen, kennt du alle. Ohne theoretischen Unterbau ist es mir als Laie völlig unmöglich, Unterschiede zu einem der vielen anderen chinesischen Tempel in denen ich war, festzustellen. Also wage ich ein paar Schritte auf die Straße vor die Anlage und stelle fest, dass die schrägen morgendlichen Sonnenstrahlen langsam an Kraft gewinnen. Eine junge Mutter bringt ihre Tochter zur Schule, der Verkehr hält sich in Grenzen und trotz des geschäftigen Treibens in den Seitengassen liegt eine morgendliche Ruhe über der Stadt.
Weiter geht’s. Eine der Gassen mündet wenig später auf einem von Gebäuden umrahmten Schulplatz. Ungefähr 150 Kinder um die zwölf oder jünger lachen, rennen und albern umher. Einer der Jungen in Schuluniform beweist sich und gibt jedem von uns Fahrradeuropäern kichernd die Hand, der Rest äugt interessiert herüber. Das Interesse ist groß, jedoch kein Vergleich zu meiner Erfahrung in Datong, Nordchina, im vergangenen Jahr. Während sich dort trotz Millionenstadt auch Passanten auf der anderen Straßenseite nach mir umdrehten, ist hier durch den sehr starken Tourismus der Gewöhnungseffekt so groß, dass es hauptsächlich die Kinder sind, die uns Weißen hinterhersehen.
Der Schulgong gongt. Mehr oder minder schnell finden die Kinder sich zur Formation und stehen schließlich, fein säuberlich nach Mädchen und Jungen getrennt in Reih und Glied vor der Rektorin, die von der Eingangstreppe aus wenig erbaulich klingende Worte ins Megaphon brüllt. Der Fahrradguide lacht und flüstert „ungezogene Kinder“. Die Ansprache endet und nach kollektiver 180°-Drehung fällt der Blick nun auf die rot-weiß-blaue Nationalflagge, die unter den Klängen der gemeinsam gesungenen Nationalhymne pathetisch gehisst wird. Ob jedoch die Augen der Kinder tatsächlich demütig auf der Flagge ruhen oder eher gelangweilt und ziellos abwartend in den Himmel wühlen, kann ich nur erahnen. Ein Hund streicht um die Beine der aufgereihten Jungs und wird unbemerkt vom Aufseher unter Androhung von leichten Tritten vertrieben.
Wir folgen weiter den sich durch die Viertel windenden Gassen. Garküchen und Gemüsestände säumen den Weg, der gleichzeitig Marktplatz, Arbeitsplatz und Wohnzimmer ist. Auf der Ecke löffelt eine Familie ihre Suppe und verkauft Portionen an die Passanten. Die Zutaten dafür werden direkt gegenüber gekauft und erhandelt und ein paar Meter weiter kauert ein Arbeiter einer Werkstatt auf dem Boden und schweißt zwei Metallrohre aneinander.
Dementsprechend spannend und alles andere als unangenehm sind die Gerüche hier. Eine Gasse lang zieht der intensive Geschmack von frischer Suppe und gebratenem Fleisch vorbei, wenig später liegt der rustikale Charme von Öl und Schmierfett in der Luft. Charme, weil es an diesen Ort, an dem ganze Zahnradberge am Rand liegen passt, und würde es nicht auch danach riechen, es fehlte etwas.
Bald blitzt zum ersten mal hinter den Hütten Wasser auf. Ein Steg taucht auf, wir verladen unsere Räder auf das dort angetäute Boot und gehen an Bord. Der Chao Phraya fließt mit erstaunlicher Kraft und Geschwindigkeit mitten durch Bangkok und die Grundstücke an seinen Ufern steigen beständig im Wert, auch wenn es nicht so aussieht. Zerfallende Hütten sind zentimetergenau bis ganz an die Uferkante gebaut, im ständigen Bangen, der Pegel möge nicht steigen.
Wir überqueren schaukelnd den Chao Phraya und legen am Steg direkt gegenüber an. Räder ausladen und wir fahren weiter durch Gassen, kreuzen eine Markthalle und sehen die älteste christliche Kirche Bangkoks und buddhistische Tempelanlagen. Zu Fuß wären die Strecken nicht zu machen und erst mit dem Fahrrad werden die räumlichen Dimensionen deutlich. Und überall gibt es hochinteressante Szenen und Situationen zu beobachten, so dass ich mit dem Schauen, Fotografieren und Fahren kaum hinterherkomme. Kameramann Roger scheint es ähnlich zu gehen. als Einziger mit motorisiertem Untersatz und Fahrer sprintet er zwischen Anfang und Ende unserer Gruppe hin und her, bemüht zumindest so viel wie möglich einzufangen.
Gegen Mittag erreichen wir einen einen Kanal und gehen erneut an Bord eines Bootes. Das Bord sind zwei längsseitige Bänke und am Heck stehen Steuermann und Kapitän in Personalunion am offenen Motor. Die schwere Maschine treibt einen kleinen Rotor an, der am Ende einer langen Stange ins Wasser taucht und zugleich Antrieb und Steuerung ist.
Mit erstaunlicher Kraft legen wir ab und gewinnen schnell an Fahrt, die langen und leichten Wasserfahrzeuge sind darauf ausgelegt. Die Wasserwege, auf denen wir uns nun bewegen sind die letzen Überreste eines großen Netzwerkes, denen Bangkok den Spitznamen Venedig des Ostens zu verdanken hat.
Über eine halbe Stunde lang fahren wir immer weiter in die Vorstädte Bangkoks. Die Hütten entlang der Kanäle stehen auf Stelzen im Wasser, oftmals in so desolatem Zustand, dass man sich fragt, wie stabil die Konstruktionen überhaupt sind. Geschweige denn, wie sie ihre Bewohner aushalten.
Von Smog und Chaos ist hier draußen wahrlich nichts mehr zu spüren. Wir finden uns mehr oder weniger im Dschungel wieder, zumindest wirkt es auf den ersten Blick so. Der Weg ist nun ein ungefähr neunzig Zentimeter hoher Steg aus schmalen Betonplatten, der scheinbar ziellos durch einen tropischen Wald führt. Kokosnüsse und jede Menge andere heimischen Güter werden hier angebaut und reichlich bewässert. Hohe Brücken führen über Nebenarme des Kanalsystems, ein Dorf auf Stelzen durchqueren wir mit so vielen Zickzackbewegungen, dass ich bald nicht mehr zu sagen vermag, woher wir gekommen sind.
So eindrücklich dieser Wegabschnitt ist – vielleicht sogar der schönste Weg der ganzen Reise – so wenig vermag ich später über ihn zu schreiben. In einer Hand die Spiegelreflexkamera, die andere am Lenker und ein Auge auf dem Wassergraben unter dem ungesicherten Steg, versuche ich die Eindrücke photographisch festzuhalten und hoffe, es gelingt mir.
Touristisch sei es schon, sagt Hans, klar. Aber, in Bangkok zu sein, ohne den Königspalast gesehen zu haben, sei wie ein Parisbesuch ohne einen Blick auf den Eiffelturm geworfen zu haben. Und das wollen wir natürlich auch wieder nicht.
Understatement kann man das, was uns hier erwartet, nicht unbedingt nennen. Es regiert der Prunk und Protz: Jede der hohen Säulen um die hohen Repräsentationsgebäude ist von unten bis oben mit Gold und Spiegelplättchen verziert, kunstvoll zu Mustern und blitzenden Reliefs angeordnet.
Wer das zu Gesicht bekommt, der hat bereits das von mit Maschinengewehr bewaffneten Militär bewachte Tor passiert und wurde von den Aufpassern auf angemessene Kleidung begutachtet. Lange Hosen und die Schultern bedeckt ist das Mindeste, um eingelassen zu werden. Bei 35° Celsius erfüllen diese Anforderungen nur die wenigsten und so kommen wir in den Genuss, gegen ein Bargeldpfand Klamotten aus dem hofeigenen Leihhaus zu bekommen. Und so stehen wir kurz darauf da. In Synthetikstoffhosen in hellblau und lila mit Jogginghosencharme. Nun denn, wenn's dem royalen Respekt dienlich ist.
Die Anlage ist groß und beeindruckt durch ihre aufwändigen Verzierungen und die Mengen an verarbeitetem Gold und glitzernden Objekten. Mit Schönheit hingegen eher weniger. Alles wirkt wie eine etwas ältere und ursprünglichere Version des Kitschtorbogens, den ich tags zuvor auf unserem Spaziergang entdeckte. Beinahe wie ihre eigene Parodie wirken die Gebäude hier, so erdrückend übereifrig verziert, als hätte den Baumeistern die Angst vor freier Fläche im Nacken gesessen. Ich lasse den Ort auf mich wirken, freue mich über seine Absurdität und als die Hitze in langen Hosen schier unerträglich wird, mache ich mich auf den Rückweg.
Hans lädt uns zum Abendessen ein, ein nettes Restaurant habe er entdeckt. Er hat Recht, denn es ist dasselbe, in dem ich bereits gestern so gut gegessen habe und ich freue mich auf einen netten Abend mit der ganzen Gruppe. "Von allem etwas" wird angerichtet und so kommen wir in den Genuss, quer durch die thailändische Speisekarte probieren zu können - nur von den rohen Meeresfrüchten halte ich Abstand und so richtig will keiner.
Trotz des langen Tages möchte ich die letzte Möglichkeit nutzen, noch etwas mehr von Bangkok bei Nacht zu sehen. Der Nachtmarkt, der mir bereits zu Hause empfohlen wurde, scheint da die optimale Gelegenheit zu sein. Mitreisende mit dem selben Ziel sind schnell gefunden und der handelserfahrenste von uns organisiert zwei Tuk Tuk.
Zwei Tuk Tuk à drei Personen auf der Rückbank, das ist zwar eng aber absolut Standard. Zwei fingerdicke Metallrohre halten einen Regen- und Sonnenschutz, ansonsten sind die dreirädrigen Motorradrikschas nach allen Seiten offen. Bereits im Standgas knattert der Motor direkt unter der Sitzbank, eine Fahrradlampe mimt das Rücklicht.
All das wäre nicht weiter erwähnenswert und überraschend, würde man nicht bald herausfinden, welche Leistungen die dauergrinsenden Fahrer den Maschinen abverlangen.
Es ist bereits eine ganze Weile vollständig Nacht, als der Handel mit einem Handschlag besiegelt wird und wir einsteigen. Hintereinander geht es durch den noch immer dichten Stadtverkehr und der Fahrer beschleunigt. Beschleunigt und nimmt die erste gelbe Ampel. Beschleunigt und überholt mit Dezimeterabstand einen Lastwagen beim Spurwechsel. Beschleunigt und und überholt das erste Tuk Tuk, um das auch direkt wild hupend zu feiern. Der Motor hat längst die obere Drehzahlgrenze erreicht und beschwert sich mit vereinzelten Fehlzündungen - egal. Jede Kurve, gleich ob um andere Fahrzeuge herum oder eine Straßenbiegung - wird mit so hoher Geschwindigkeit genommen, dass wir mit unserem Körpergewicht gegensteuern müssen. Der Fahrzeugschwerpunkt liegt nun eindeutig in schneller Folge wechselnd auf dem linken oder rechten Hinterrad, während das jeweils andere oft nur noch streifend den Boden berührt. Er lacht, er hupt, er beschleunigt.
Langsam verlassen wir das Stadtgebiet und die Schnellstraße macht in Ermangelung an Kurven die Fahrt zwar nicht langsamer, aber zumindest etwas weniger adrenalintreibend. Als wir am Nachtmarkt ankommen und mit wackeligen Beinen aus dem wackeligen Gefährt steigen, schauen wir uns an und lachen. Achterbahn. Nur ohne Gurt.
"Gucci! Prada! Rolex! Lookin', lookin!" Mehrere große Markthallen überdachen links und rechts der engen Gänge zahllose Kleinststände, die jeweils bis in die hinterste Ecke mit Waren vollgestopft sind. T-Shirts, Uhren, Gürtel, Schmuck. Dazwischen gelegentlich Kunsthandwerk aus Serienproduktion. Tonja sucht einen Ersatz für Ihre kaputte Sonnenbrille, auf der kein riesiges Markenlogo von "Gucci", "Prada" oder Co. prangt. Wir finden an diesem Abend keinen.
Und so beschränkt sich die Investition auf zwei Bier, die wir im Vergnügungsbereich vor den Hallen trinken. Die Bühne mit der Livemusik ist schon leer, die meisten der Gartentische davor auch. German Beer Festival steht in Schwarz Rot Gold auf einem Banner und junge Thailänderinnen mit "Erdinger"-Schriftzug auf dem Dekolletée versuchen ein wenig verzweifelt, Gäste für den Biergarten gegenüber zu gewinnen.
Wir tun ihnen den Gefallen und treffen dort auf den Rest der Tuk-Tuk Gefährten und gesellen uns dazu. Wir tauschen Eindrücke aus, sehen beim Bullenreiten zu, erinnern uns an die gefühlte Tage zurückliegende Fahrradtour und amüsieren uns hervorragend. Nur Erdinger trinkt keiner.
Langsam setzt die Bettschwere ein. Flug, Zeitunterschied, die Tour und die Ortszeit machen sich nun doch bemerkbar. Wir sind die letzten der sowieso wenigen Gäste und nebenan wird die Plane über die Bullenreitautomaten gespannt. Zurück in die Stadt für 6 Personen.
Hatte ich kurz zuvor noch gedacht, es ginge nicht mehr rasanter, so ist die Fahrt zurück zur Kao San Road der Gegenbeweis. Man muss wahrlich kein enormes Sicherheitsbewusstsein haben, um es schon nach wenigen Fahrmanövern mit der Angst zu bekommen. Der Verkehr hat, kaum erreichen wir die Innenstadt Bangkoks, nur wenig nachgelassen, doch die Lücken sind für die röhrenden Dreiräder groß genug. Zumindest im Ermessen der Fahrer, die nun ganz offen Wettrennen gegeneinander fahren. Schneller Stopp vor einer roten Ampel, der junge Lenker spielt grinsend mit dem Gas - und drückt durch. Der Motor heult auf, das Vorderrad verliert den Bodenkontakt und das Gefährt hebt sich auf der Hinterachse stehend in die Luft. Der gefühlte Fahrzeugschwerpunkt liegt weit hinter uns, die wir ruckartig nach vorn gebeugt versuchen, den Gleichgewichtsverlust abzufangen. Der Asphalt direkt hinter der dünnen Rückbank kommt näher, bis der Höhepunkt erreicht ist und das Vorderrad krachend wieder Boden berührt. Als wir bereits ein paar Meter weiter sind, fährt das Tuk Tuk neben uns immer noch auf der Hinterachse. Der Fahrer johlt, die Gäste auch.
"Thanks for not killing us!" Er grinst. Als wir heil ankommen und ein paar Meter gegangen sind, finden wir wieder ganze Sätze. Klaudia erzählt, sie habe davon gelesen. Tuk Tuk- und LKW-Fahrer in Bangkok überstünden die langen Nächte und Wartezeit oftmals nur mit Alpha-Methylphenathylamin: Speed. Wir glauben es ihr.
Wir waren mal müde? Nun ist nichts mehr davon zu spüren und an Schlaf ist nach diesem Erlebnis nicht mehr zu denken. Zum Glück schläft die Kao San Road nicht und wir gehen in eine der zur Straße hin offenen Bars. Livemusik erklingt. Nein, ertönt: Ein thailändischer Rocker steht auf der kleinen Bühne am Seitenrand und der für asiatische Verhältnisse massive Frontmann schreit ins Mikrophon. Mötorhead. Guns 'n Roses. Ein Weihnachtsbaum mit Lichterkette steht auf dem Tresen.
Hauptsächlich Ausländer sind zu Gast. Jene Personengruppe, die auch tagsüber auf der Khao San Road zu finden ist: Austeiger mit „Free Tibet“-Shirts und Suchende, sei es nach dem Sinn des Lebens oder einer Abendbegleitung. Die Stimmung ist gut, die Band - nicht nur weil sie überrascht - hervorragend. "Smells like Teen Spirit". Das tut's! One more Singa Beer, please.