
Während andere historische Bauten aus Fernost wie zum Beispiel die Chinesische Mauer, das Taj Mahal oder die Verbotene Stadt uns Europäern sehr vertraut sind, die Anlagen von Angkor Thom und Angkor Wat sind es nicht. Noch nicht.
Wir fahren auf der „Rue Charles de Gaulles“ Richtung Nordost, die Sonne steht noch tief und blendet durch die Seitenfenster. Es wird wieder ein warmer Tag und wir sind auf dem Weg nach Angkor Thom.
Ein Kinderkrankenhaus zieht auf der linken Seite vorbei, erbaut von der Europäischen Union. Auf der Wiese davor kampieren die besorgten Eltern der Patienten oder schlimmer: warten in einer Schlange auf Behandlung. Es folgt das von einem thailändischen Industriellen gestiftete Nationalmuseum, hier sind die Parkplätze leer.
Ein Checkpoint unterbricht die Fahrt, wir müssen aussteigen und tauschen ein digitales Foto auf einem tintenstrahlgedruckten Tagespass gegen 20 Dollar.
Angkor heißt übersetzt „groß“, Thom bedeutet „Stadt“. Zwischen dem Ende des 12. und dem Beginn des 13. Jahrunderts entstand hier auf Königsgeheiß die „Große Hauptstadt“ des Angkorreichs. „Angkor“ ist hierbei nicht als Sinnbild zu verstehen, tatsächlich war die Stadt größer als jede Stadt im europäischen Mittelalter und zudem brillant aufgebaut. So sind beispielsweise die Abwasserkanäle der Planhauptstadt teils bis heute erhalten.
Das Erste, was ich zu Gesicht bekomme, ist das Südtor. Die daran anschließenden Stadtmauern sind beeindruckend mächtig, zusätzlich schützte ein Erdwall und ein breiter Wassergraben um die gesamte Anlage das Stadtgebiet. Der Weg durch das Tor führt direkt ins Zentrum der in ehemals vier Viertel aufgeteilten „Thom“. Für 20 Dollar kann die Strecke auch per Elefant bewältigt werden.
In der Mitte der großen Lichtung türmen sich gewaltige Steinmassen, irgendwo zwischen System und Chaos. Der Berg aus Steinen wirkt vollkommen natürlich, als habe man keine Ruine, sondern eine natürlich gewachsene Felsformation vor sich, deren Arme in den Himmel streben. Jede Säule ist rundum mit in den Stein gehauenen Bildern bedeckt, fast immer sind es Frauenmotive.
Weiter oben, an den Außenseiten der Türme des Bayontempels, blicken riesige Gesichter mit geschlossenen Augen in jede Himmelsrichtung. Ihr Ausdruck ist gütig und ruhig. Gelassen nehmen sie den Touristentrom am Boden hin, der sich durch die Gänge und über die verschiedenen Ebenen schiebt.
Wenige hundert Meter weiter öffnet sich die Lichtung zu einem großen, beinahe baumlosen Platz. Zur linken trennt eine Mauer eine um einige Meter höher gelegene Terrasse ab. Elefantenreliefs – fast lebensgroß - verzieren die Mauer, teils in Profil, teils in der Ansicht direkt von vorn, wobei der Rüssel jeweils zu einer vorgelagerten Säule wird. Stoßzähne in Richtung des Platzes verdeutlichen plastisch den Unterschied zwischen jenen, die sich auf oder unterhalb der Terrasse befinden.
Am nördlichen Ende wächst die Mauer deutlich in die Höhe und erreicht sieben Meter: Hier beginnt die Terrasse des Leprakönigs. Mystische Figuren und Szenen sind in den Stein gehauen, ihre Aussage verschließt sich mir. Der erstaunten Bewunderung tut dies jedoch keinen Abbruch.
Hollywoods Bühnenbildner hätten und haben es nicht besser gekonnt. Und so erlangte der Dschungeltempel als Drehort im ersten „Tomb Raider“ Kinofilm eine gewisse Bekanntheit und wurde zur Lieblingsanekdote der hiesigen Guides.
Der Bus hält tatsächlich mitten im Dschungel und wären nicht mehrere hundert Touristen auf dem Gelände, man käme sich wohl verloren vor. Ein sandiger Weg führt durch das Dickicht, was sich hinter der nächsten Kurve verbirgt, ist unsichtbar hinter Blättern. Erste Steine liegen auf dem Boden, es werden mehr und mehr und dann stehe ich inmitten der Tempelruinen. Und zugleich im Wald, denn die Natur hat die Anlage vollständig zurückerobert. Gigantische Wurzeln haben die Mauern fest im Griff. Wie versteinerte Tentakel winden sie sich den Gebäudekonturen entlang, von organischer Flexibilität aber ohne jeden Zweifel an Entschlossenheit aufkommen zu lassen.
Ein Großteil der Anlage ist baulich in gutem Zustand, was ihr einen surrealen Eindruck verleiht. Ein Gang, eine Mauer, ein Gebäude und mitten darauf ein Baumriese.
Dem Mangel an Alternativzielen in Kambodscha, der Aufnahme in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes und nicht zuletzt Angelina Jolies Filmrolle ist es geschuldet, dass sich der Touristenstrom hier konzentriert. Mehrere Hundertschaften Europäer, Amerikaner und Japaner bestaunen die Anlage.
Doch es ist wie überall: Kaum verlasse ich den markierten Pfad mit den Wegweisern, bin ich scheinbar allein. Der Wald verschluckt jedes Fremdgeräusch und ich durchwandere den einsamen Tempel. Zwei Arbeiter spielen in einer Ecke Karten. Vögel zwitschern. Bäume wachsen.
Die Anlage ist riesig und ich pfeife in Gedanken „Indiana Jones“. Im gleichnamigen Film mit dem Untertitel „und der Tempel d es Todes“ bildet das Dach Angkor Wats die Kulisse des besagten Tempels. Behauptet zuindest der Guide. Stimmen tut es nicht.
Jedoch auch in der Realität hat die Anlage mit dem Tod zu tun, wenngleich in ganz anderem Sinne: es handelt sich um ein Mausoleum. Der royale Wunsch nach martialisch-bombastischer Unsterblichkeit ist offenbar weltweit recht populär. Allein der künstliche Wassergraben rund um die große Anlage misst gut 50 Meter Breite.
Im Innern besteht Angkor Wat aus mehreren, ineinander verschachtelten Innenhöfen, jeder davon auf etwas höherem Level als der vorhergehende. Im Zentrum bildet eine Pyramide in baulicher wie messtechnischer Hinsicht den Höhepunkt. Nachdem jedoch immer wieder Touristen von den in extremer Steigung nach oben führenden Treppen fielen, ist der Aufstieg nun geschlossen und für uns hier Schluss. Ein Affe klettert eine Armlänge von mir entfernt vorbei.
Ich wandere durch die Gänge auf der Rückseite des Gebäudekomplex mit Sicht auf den dahinterliegenden Urwald. Das sonnenverbrannte Gras bis zur Mauer ist ordentlich getrimmt. Es ist ein gewaltiger, seltsamer Ort, hier mitten im Urwald.
„Armband, Armband!“ Die Kleine ist vielleicht zehn und sieht aus wie sechs. „Armband, Armband!“ Wir warten auf dem Parkplatz auf die anderen und schnell bilden sich Kindertrauben um uns. Postkarten, Ketten, Postkarten und das besagte: „Armband, Armband!“ „Nein, danke“ sagt Mitreisender Manuel, ebenfalls zum dreissigsten, vierzigsten Mal. Das Mädchen reagiert: „For your girlfriend!“ - „No.. no, I don't have a girlfriend.“ - „I could be your girlfriend!“
Sagt sie und streckt ihm weiterhin tapfer die Armbändchen hoch entgegen. „No, I don't think you and your parents would like that. And I live far away, in Germany“ Sie zögert mit der Antwort keine Sekunde. „I want to live in Germany! I want!“
Die Penetranz der Kinder um uns herum ist unglaublich. „Onedollar!“ rufen die größeren und die kleineren ahmen es nach. „Ooondolor!“ - „No, thank you, I don't want it.“ 2 Minuten „Ooondolor!“ - „No, thanks!“ 5 Minuten „Ooondolor!“ - No.“ 8 Minuten „Ooondolor!“ 10 Minuten „Ooondolor!“
Trotz aller verbrauchter Nerven: die sind vergessen, wenn man beobachtet, wie die Kinder in der dritten Reihe um einen herum – Kinder sind! Kinder, die sich ungeschickt anstellen, die sich ihr Verkaufskörbchen umgekehrt aufs Gesicht legen und kichern müssen. Kinder, die mit vergnügtem Grinsen den geparkten Autos entlangrutschen, die Fangen spielen. Und die für nur wenig mehr als „ooondollar“ von jedem Tourist, der möchte, die Freundin sind.
Der Abend soll hoch über dem Blätterdach des umgebenden Urwalds enden. Wir fahren zu einem unweit von Angkor Wat gelegenen Berg, auf dessen Gipfel sich weitere Ruinen befinden sollen. Der Elefantenritt nach oben ist eindeutig zu teuer und so beginnen wir den Aufstieg zu Fuß.
Ein vielleicht zwei Meter breiter Sandweg schlängelt sich den Berg entlang und auf diesem schlängeln sich die Menschenmassen. Dicht an dicht trotten wir eine Schrittlänge hinter dem Vordermann her, ein Geheimtipp ist dies hier wahrlich nicht mehr. Auffallend viele Japaner sind hier zu Besuch.
Auf dem Gipfel steht ein weiteres Monument aus Stein, eine Pyramide mit noch viel steileren und kleineren Stufen als in Angkor Wat direkt. Hier allerdings fallen offensichtlich weniger Touristen runter oder es ist auch einfach egal, der Aufstieg jedenfalls ist erlaubt. Mit Betonung auf Steigen, es bedarf nicht ganz unerheblicher Kletterkünste, um die Plattform zu erreichen.
Oben entschädigt dafür der Ausblick für alle Strapazen: Unendliche Weiten und bis zum Horizont... Touristen! Ein regelrechtes Gewimmel an Urlaubern bevölkert jeden Quadratmeter. Offenbar steht dieser Ort auf der "keinesfalls-verpassen-Liste" so ziemlich jeden verfügbaren Reiseführers über Kambodscha, anders ist es nicht zu erklären.
Ich steige für bessere Sicht auf ein paar der gigantischen Felsblöcke. Dichter Urwald brandet an dieser Seite des Berges. Der Sonnenuntergang versteckt sich hinter fahlem, diesigen Nebel.
Macht nichts. Das nächste Mal.