Und jetzt auch noch Bing: Microsoft und das Internet

Dass Microsoft das Internet verschlafen hat ist kein großes Geheimnis. Jahrelang erkannte man nicht den bevorstehenden Wandel oder zog zumindest keine Konsequenzen daraus. Und als er schließlich da war, schossen kleine Startups an Microsoft vorbei und die Redmonder mussten hilflos zusehen, wie selbst kleine Firmen und OpenSource Bewegungen das schafften, was sie selbst nicht hinbekommen: Eine Größe im Netz zu werden, ein Innovator sein, die Entwicklung voranzutreiben.

Der Blick vom Spielfeldrand

Beispiel Browser: Der Internet Explorer, ist bis heute in Sachen Nutzerzahl Marktführer, was aber allein darauf beruht, dass er im quasi-monopolistischen Betriebssystem Windows mitgeliefert wird. Und was tun die User, kaum werden ganze Generationen nach 10 Jahren „PC“ zu „fortgeschrittenen Anwendern“? Sie wandern ab, massenhaft. Die kostenlose Browseralternative Mozilla Firefox hat den Internet Explorer fast bis in Griffnähe eingeholt und auch Apple – die ihren Browser ebenfalls mit dem Betriebssystem mitliefern – gewinnt beständig an Marktanteil. Und das zu Recht: Der so genannte ACID3-Test prüft Browser darauf, wie standardkonform diese in Sachen HTML und CSS, der Lingua Franca des Webs, sind.

Safari 4: 100/100 Punkten
Firefox 3: 76/100 Punkten
Internet Explorer 8: 20/200 Punkten

Browser sind nur ein Bereich, der zeigt, dass es Microsoft nicht gelingt, zu einer relevanten Größe im Netz zu werden. Eine Größe, definiert nicht durch Umsatz oder Aktienkurse, sondern eine Größe definiert durch Innovationsgrad. Ein weiteres Feld: Serversoftware. Damit aus einem physischen Gerät im Rechenzentrum ein Server wird, bedarf es einer Software. Weltweit führend: Apache, ein OpenSource-Programm.

Die neue Suchmaschine: Gestatten, Bing, der Google-Killer

Jetzt soll es also eine Suchmaschine richten. Mal wieder, schließlich ist Bing nicht der erste Versuch, in diesem Markt Fuß zu fassen. Da gab es „MSN“, jahrelang die einzige Suche von Microsoft, die diesen Namen jedoch kaum verdiente und es auch nie aus der absoluten Irrelevant hinaus schaffte. Dann kam „Live Search“, schon deutlich an Google angelehnt, jedoch mit merklich schlechteren Suchergebnissen, ein rechter Marktanteil wollte ich einfach nicht einstellen.

Das blieb auch in Redmond nicht unbemerkt und seit dem 01. Juni gibt es „Bing“. Es handle sich um eine „Entscheidemaschine“ betont man gerne, eine Entscheidemaschine die bei „bei täglichen Entscheidungsfindungen rund um Themen wie Einkaufen oder Reiseplanung helfe“. Und tatsächlich sind die Suchergebnisse deutlich besser geworden, fast alle Anfragen führen zu soliden Ergebnissen. Doch welche Existenzberechtigung gibt es für eine Suchmaschine, die „nicht viel schlechter als Google“ ist?

Usability – Benutzerfreundlichkeit – ist ein wesentlicher Faktor, der hinter dem Erfolg von Google steht. Den überladenen, blitzend-blinkenden Portalen Ende der 90er Jahre setzte Google eine radikale Alternative entgegen: Ein Logo, ein Suchfeld, ein Button, das war’s im Wesentlichen.
Bei Bing ganz ähnlich – bis auf dass man sich dort dazu entschlossen hat, ein großformatiges Hintergrundbild zu verwenden. Persönlicher soll die Suche dadurch werden, hat vermutlich jemand aus dem Marketing eingeflüstert. Ob es klug ist, den Fokus von den Funktionselementen auf die Fototapete im Hintergrund zu lenken sei dahingestellt.

Struktur, Ordnung und Design bei Bing

Es ist insgesamt die klare Linie, die so dringend fehlt. Von einheitlicher Struktur ist nichts zu erkennen, ganz im Gegenteil. Es beginnt mit dem dritten Namenswechsel innerhalb weniger Jahre und zieht sich durch bis zur eigenwilligen Groß- und Kleinschreibung, die übrigens auch schon bei „Live“ ständig wechselte.

„Bing“ schreibt sich im Logo klein, im Linktext 200 Pixel weiter oben jedoch groß. „Beta“ ist ebenfalls groß, „seiten“ dafür in klein, „web“ ebenfalls klein, dafür „Mehr“ großgeschrieben. Das orthographische Chaos auf der Startseite scheint symptomatisch.

Für die Nutzer aber noch viel schlimmer ist die einheitliche Uneinheitlichkeit im Design. Konkret:

  • Insgesamt gibt es genau 15 Links auf der Startseite, exklusive der 5 Reiter wie „Videos“ und „Maps“.
  • Davon führen 10 Links zu Webseiten mit radikal unterschiedlichem Design, 2 weitere Designs unterscheiden sich stark zur Startseite.
  • 12 der Links führen zu komplett anderen Domänennamen, z.B. feedback.discoverbing.com, de.msn.com, home.live.com oder advertising.microsoft.com

Folgende Screenshots stammen ausschließlich von Seiten, die mit einem Klick (!) von bing.com erreichbar sind. Ausnahme: Das Dropdownfeld „Extras“ benötigt 1 zusätzlichen Klick, betrifft die Seiten „Einstellungen“ und „Werbung“.

Rund 100 Millionen Dollar sollen jetzt in die Marketingmaßnahmen für Bing fließen. Eine große Summe, erst recht für ein halb ausgegorenes Produkt. Dabei wäre ein starkes „Bing“ sogar wünschenswert, selbst 2 ernstzunehmende Suchmaschinen im Internet wären immer noch zu wenig. Und wie es aktuell aussieht, wird es aber wohl auf absehbare Zeit sogar nur bei einer bleiben.

…ach, übrigens, hier.. Datenschutz?

Wenn ich auf Feedback klick, also wirklich nur klicke, nichts nichts eingebe, nicht eingeloggt und registriert bin, einfach nur als Benutzer auf Feedback klicke… dann werde ich auf diese URL weitergeleitet:

https://feedback.discoverbing.com/default.aspx?mkt=de-de&productkey=bingweb&brand=&&locale=de-DE&P1=dsathome&P2=&P3=0&P4=&P5=32B72ECDB1F04D5FBEB43459E4184F4D&P6=Koln,%20Nordrhein-Westfalen&P7=Original&P8=&P9=50.944442/6.961666&P10=24902.0&P11=http://www.bing.com/?scope=images&nr=1&P12=&searchtype=Web%20Search&optl1=1&backurl=http://www.bing.com:80/?scope=images&nr=1&FORM=FEEDTU

Da wird also die IP des Users auf dessen Wohnort aufgelöst. Ein Standardverfahren im Webcontrolling, je nach dem über welchen Provider man online ist nur mäßig genau und mehr als eine Region oder Stadt kann nicht ausgelesen werden.

Aber auch wenn es Standard ist, bei „Bing liegen die Sachen meines (Laien)-Erachtens ein wenig anders:

  • Die URL mit den Standortdaten führt auf ein Formular. Formulardaten können direkt damit in Verbindung gebracht werden.
  • Ich habe gar keine Wahl, die Erfassung der Daten zu verhindern, da ich nur über diesen Link auf das Feedbackformular komme. Dadurch wird der Herkunftsort quasi zum Pflichtfeld.
  • Da steht: Liebe Nutzer, zur Verbesserung unserer Servicequalität ermitteln wir die Stadt, von der sie sich aus einwählen. Ne, Quatsch, da steht ja… überhaupt nichts!

Ach Microsoft…

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