Blöde Blocker blocken

Ein kurzer Exkurs: Wenn ich unterwegs bin, gehe ich regelmäßig in Bahnhofsbuchhandlungen. Fast nie möchte ich etwas bestimmtes und in der Regel geht es mir wie den meisten anderen Menschen im Laden hauptsächlich darum, Wartezeit zu überbrücken. Ich blättere dann durch die Design- und Architekturzeitschriften, schau, was die Titanic schreibt und suche aus Nostalgie nach Zeitschriften, die ich früher einmal gelesen habe. In circa fünfzig Prozent der Fälle kaufe ich dann tatsächlich eine Zeitschrift.

Es sei denn: Nach zwei Minuten kommt der Inhaber an und macht mich darauf aufmerksam, dass hier gekauft und nicht gelesen wird. Dann verlasse ich den Laden ohne Geld auszugeben. Bahnhofsbuchhandlungen leben von den stöbernden Kunden und die meisten wissen das auch. Der Großteil des Umsatzes kommt von eben jenen Reisenden, die aus Langeweile den Laden betreten, nur ein kleiner Teil steuert für Fachzeitschriften gezielt den Kiosk am Bahnhof an.

Selbstverständlich verursachen auch Nicht-Käufer Kosten: Sie verursachen Dreck, bringen Zeitschriften durcheinander, die absoluten Diebstähle steigen und SPersonal wird in Anspruch genommen. Wäre es aber ökonomisch sinnvoll, alle Zeitschriften hinter Glas zu packen und sie nur den tatsächlichen Käufer auszuhändigen? Natürlich nicht, die Mischkalkulation wäre hinfällig. Exkurs Ende.

Kurioserweise wird aber genau dies im Netz versucht. Über 550 diggs erreicht die Webseite whyfirefoxisblocked.com, die von mindestens einem us-amerikanischen Weblog als automatische Weiterleitung für Firefox-Nutzer genutzt wird. Die Begründung: für Firefox gibt es ein Plugin, welches Werbung auf Webseiten blockt. Da serverseitig nicht festgestellt werden kann, ob ein User dieses Plugin installiert hat, werden einfach prinzipiell alle FF-Nutzer ausgeschlossen, komplett.

Numerous web sites exist in order to provide quality content in exchange for displaying ads. Accessing the content while blocking the ads, therefore would be no less than stealing. Millions [sic] of hard working people are being robbed of their time and effort by this type of software.

So steht es auf whyfirefoxisblocked.com. Als Diebstahl und einen Satz später sogar als Raub wird der Zugriff mit einem Adblocker bezeichnet. Harter Tobak aber da nur Werk eines Einzelnen Verwirrtens und somit eigentlich keine Beschäftigung damit wert. Wenn, ja wenn nicht in der XING-Gruppe Internet Marketing nun tatsächlich ernsthaft darüber diskutiert würde. Grund genug, sich etwas näher damit zu beschäftigen:

  • Wie hoch ist der Anteil der FF-Nutzer mit Adblocker? Zahlen dazu gibt es nicht, aber es dürfte eine verschwindent geringe Anzahl sein. Der Anteil der Firefoxnutzer am Browsermarkt jedoch ist mittlerweile beachtlich. Ökonomisch ist es Wahnsinn, alle Firefoxnutzer auszuschließen.
  • Das Internet ist nicht nur für den Desktoprechner. Leser über mobile Clients, RSS-Abonnenten, Hochkontrasversionen und Braillereader müssten auch ausgeschlossen werden. Sie produzieren schließlich auch keine AdSense-Klicks.
  • Wer glaubt, mit dem Ausschluss von Adblockern seinen Umsatz zu erhöhen, geht bereits von der falschen Annahme aus, dass Anzeigenklicker und Adblocker-Nutzer „Substitutions-Nutzer“ sind. Wer jedoch Plugins aktiv sucht und einbindet ist kein Nutzer, der auf Popups, Banner mit Fakebuttons oder AdSense klickt. Adblocker wissen um Werbemechanismen und blenden Sie gerade deshalb aus.
  • Ein Webseitenbesitzer hat das Recht zu bestimmen, in welcher Form seine Seite aufgerufen wird? Das wage ich stark zu bezweifeln! Völlig abgesehen von den ideologischen Einwänden die so wichtig sind, dass man nur schreien möchte, ist dies auch rechtlich alles andere als eindeutig. Gerade die bereits angesprochenen mobilen Endgeräte, Zugänge über Proxis oder schon schlicht jeder Suchmaschinenrobot ruft die Seite anders auf, als der Webseitenbetreiber sie sieht. Nach dieser Argumentation müsste sogar der Zugriff mit 800×600 Pixeln Bildschirmauflösung verboten sein – schließlich sieht der Nutzer dann den Skyscraper-Banner am Bildrand nicht mehr.

Eigentlich genug Gründe, um über die Ganze Kuriosität einfach überhaupt erst nicht mehr nachzudenken. Da ist es beruhigend, dass man Seiten, die solche Technologien einsetzen sowieso nicht besuchen möchte.

(Inhaltlich tut es nichts zur Sache, der Vollständigkeit halber aber: Beim besagten amerikanischen Blogger handelt es sich um den rechtskonservativen „bibeltreuen“ Danny Carlton, bei der Werbung um eine Mischung aus AdSense und Amazon-Affiliate-Links zu Laura Schlessingers Ergüsse und Ähnliches.)

Nachtrag: Klar, auch für den Internet Explorer gibt es Adblocker.

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