Eine Dekade Internet II

12:53:29 Katja: guck mal fraukes und mein scrabblespiel an! ich bin drauf verlinkt, also einfach über meine seite
12:54:36 Dominik: welches social network?


Social Netzwerke. So recht einschlafen konnte ich gestern dann nicht, zu lange beschäftigte mich die Frage nach dem Sinn von Sozialen Netzwerken im Allgemeinen. Dabei ging es nicht um die Frage, ob das hundertste Web 2.0 Netzwerk für gehörlose und alleinerziehende Maori Sinn ergibt, sondern vielmehr, ob alle Portale dieser Art zusammen mehr sein können, als reine Kontaktdatenspeicher.

Kernproblem jedes Netzwerks und zudem völlig unnatürlich ist die gleiche Wertigkeit aller Kontakte. Für das System macht es keinen Unterschied, ob ich einen Geschäftspartner, meine Freundin oder einen mir persönlich unbekannten Blogleser zu meinen „Freunden“ respektive „Businesskontakten“ hinzufüge, Kontakt ist Kontakt. Und genau dieses kommunistische Freundschaftsdilemma macht Xing, StudiVZ und Co. völlig wertlos, wenn es um die qualitative Beurteilung einer Beziehung geht. Dazu kommt, dass jeder Nutzer auch noch persönliche Vorstellungen hat, wie solche Kontaktlisten zu führen sind, wer hinzugefügt wird und wer nicht.

Zur Realisierung einer funktionierenden „Kontaktqualitätsbeurteilung“ kommen zwei Lösungsansätze in Betracht.

Der Händische.

In einer wie auch immer gearteten Funktion legen die Nutzer selbst die Qualität eines Kontaktes fest. Egal welchen intelligenten Mechanismus man vorsetzt, im Endeffekt wird jeder Kontakt bewertet: „Geschäftskollege: 2 Punkte, Stammkunde 5 Punkte, Geliebte: 8 Kunde“. Reziprok hoch gewertete Beziehungen werden dann in beliebiger Art und Weise gewichtiger dargestellt als nieder Bepunktete.

Aber schon das Beipiel zeigt, dass die manuelle Bewertung keine realistische Ausgabe liefern wird. Zu subjektiv sind die unterschiedlichen Eindrücke, Eigeninteressen bestimmen die Punktvergabe und wer nicht jedem neuen Freund die Höchspunktzahl gibt, würde nur all zu schnell ins virtuellsoziale Abseits geraten. Und ein Netzwerk,in dem sich alle gegenseitig hochbieten ist ad absurdum geführt, sprich: die händische Methodik ist Quatsch.

Die Automatisierte.

Für ein leider nie realisiertes Projekt gab es folgenden Plan: Das Hinzufügen zu Freunden auf die Kontaktliste sollte automatisiert geschehen. Ab einer gewissen Summe von Profilaufrufen, Gästebucheinträgen und privaten Nachrichten werden beide Nutzer gegenseitig als Kontakt gesetzt. Technisch absolut keine Herausforderung, schließlich kann alles mitgeloggt werden, rechtliche Aspekte mal ganz bei Seite gelassen. Der Vorteil scheint auf der Hand zu liegen: Das System ermittelt automatisiert und unbestechlich der Wert aller Kontakte und kann so eine realistische Gewichtung ausgeben. Doch auch das ist eine Sackgasse: Als geschlossenes System mag das vielleicht funktionieren. So bald aber auch nur eine Kontaktmöglichkeit hinzukommt und somit die Datenaufzeichnung umgangen wird, ist die Wertung unvollständig und schon bald völlig verzerrt. Auch dies somit Quatsch.

Telefon in die Hand nehmen, anrufen. Ist sowieso besser, als den ganzen Tag nur in Facebook rumzuhängen, jaja, wissen wir doch. Und überhaupt, wo ist der Gewinn, Beziehungen zu gewichten und vergleichbar zu machen, Privatsphäre ist Privatshäre. Nicht?

Noch. Zumindest meistens. Zu keinem Zeitpunkt der Geschichte wurden mehr Informationen publiziert und zu keinem Zeitpunkt waren unsere Leben besser dokumentiert. Chat im Instant Messanger, ’ne neue Nachrichten im Social Network A und im Social Network B wurde soeben ein Bild von der Party gestern mit meinem Namen getaggt. Suchmaschine G kennt und speichert sämtliche Suchanfragen und die Toolbar zeichnet auf, welche Seiten ich besuche und wie oft. Schnell einen Anruf tätigen über IP-Telefonie und ein veröffentlichtes Dokumente online zu zweit bearbeiten. Einen Blogeintrag darüber verfassen und beim Freund kommentieren und auf die Fotos im Social Network B verweisen. Eine Mail über den Webmailprovider abrufen: Die Freundin hat den XNF-Status in ihrem Backlink von rel=“spouse met“ auf rel=“met“ geändert. Scheiße!

Man muss wahrlich kein Orwell sein, um sich auszumalen, was möglich wird, wenn Onlinedienste nach und nach Schnittstellen mit Profilgewichtungen der beschriebenen Art zur Verfügung stellen würden, der „Bundestrojaner“ wird dann ganz schnell zum frommen Wunsch. User Generated Gläserner Mensch heißt das dann wohl. Schon bald in der öffentlichen Betaphase.

Und noch ein kleiner Nachtrag zum Zehnjährigen, Teil I: Internet in Augsburg bei Apfelschorle muss sogar noch früher gewesen sein, sagt meine Schwester Sibylle. Spätestens Mitte 1996, das Jahr drauf war sie dann schließlich schon weg.

3 thoughts on “Eine Dekade Internet II

  1. Ja das stimmt alles.

    Aber, darüber habe ich mir in den letzten Tagen auch Gedanken gemacht. Und ich denke, daß wir einem dunkelen Zeitalter der Informationen entgegen gehen.

    Die selbstpublizierte Information wird durch die von Dir aufgezeigten zukünftigen Möglichkeiten mit Bewertung der Qualität und Verknüpfung von zur Verfügung stehenden Quellen (ClaimID) exponentiell steigen. Und nichtmal mehr für Suchmaschinen wirklich durchschaubar sein. Zumal zu den ganzen Daten die entsprechend ausgerichtete Werbung hinzukommt, die niemand mehr aufnehmen kann. Ich habe da ein recht klares Bild von entwickelt.

    Die Rechenleistung die für entsprechende Suchen zur Verfügung stehen wird, wird auch auf längere Sicht immer weiter steigen. Was aber irgendwann ein Ende finden wird, ist die flächendenkende Fähigkeit unter den Suchenden, sich neue Algorythmen für Analyse und entsprechende Filtration der wichtigen Daten zu ersinnen. Und was bringt die Power ohne Hebel?

    Ausserdem hat sich der Mensch wie kein anderes uns bekanntes Wesen immer an die entsprechende Bedingung angepasst. Wir werden uns mit wichtigen und unwichten Informationen einen Panzer verschaffen der nahezu undurchdringbar ist. Dieser Panzer wird mit wahren und unwahren Informationen bzw. mit Informationen gespickt sein die wir gern als Wahre erachten würden.

    Den wer möchte im Netz schon als der erkannt werden der er wirlich ist?

    „So gaben beispielsweise fast zwei Drittel der befragten Chinesen (61 Prozent) an, ein paralleles Leben im Netz zu führen.“
    Quelle: http://www.golem.de/0711/56187.html

    Echte bestätigte Informationen werden dann wieder eine Menge Wert sein. Es wird nicht mehr einfach jede Information als solche wahrgenommen. Es wird nach den Suchmaschinen zu Verifikationsmaschinen kommen müssen. Die Dienstleistung Informationen aufzuzeichnen wird nicht mehr der Hautpunkt sein. Diese Informationen müssen stimmen um was Wert zu sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.