Eine Dekade Internet III

Reden wir über das Internet. Es werden Umwältungen stattfinden, es handelte in diesem Blog bereits davon. Und es fängt mit meiner Bielefelder Wohnung im Souterrain an.

Meine Wohnung ist super. Die Lage klasse, der Preis okay, der Fußboden schön. Aber der Umstand, dass sie sich im Souterrain befindet und die daraus resultierende relative Dunkelheit lassen mich nach einer neuen Bleibe suchen. Online, klar. Und kurze Zeit später habe ich auch tatsächlich mehrere Besichtigungstermine. Ich mache mich auf den Weg und als ich das Treppenhaus betrete weiß ich zwei Dinge:

1. Diese Wohnung werde ich nicht nehmen.
2. Was im Internet kurz- bis mittelfristig passiert, wird sich noch viel schneller und tiefgreifender auf den Alltag auswirken, als ich bisher dachte.

Vom Datenkrakenfüttern

Was war geschehen? Seit vielen Jahren bin ich Forenbetreiber und seit ebendieser Zeit beobachte ich die Unbekümmertheit, mit der persönliche Informationen veröffentlicht werden. Nicht die Adresse oder das Geburtsdatum sind, ganze Lebensgeschichten und Schicksale.

Das ist zwar nichts Neues, aber durch einen Zufall blieb mir die Geschichte einer Nutzerin im Gedächtnis, die von ihrer Schwester erzählte. In epischer Breite legte Sie die Familiensituation dar und berichtete vom Partner der Familienjüngsten, dessen Nebenverdienst das Dealen sei.

Auch das sicherlich keine unvergessliche Geschichte, hätte die extrovertierte Familie nicht auch noch einen außergewöhnlichen Namen getragen. Und so stand ich nun im Hausflur dieses kleinen Mietshauses im Bielefelder Westen, schaute auf die Klischelschildreihe und kannte die Lebengeschichte und tiefen Geheimnisse der Menschen meiner potentiellen Nachbarwohnung.

Logische Schlussfolgerungen

Erst am Abend wurde mir bewusst, welche Tragweite diese Entdeckung hatte, die man sonst vielleicht als „kuriose Episode“ abhake könnte:

1. Ich habe nie ein Mitglied dieser Familie je getroffen. Ich hatte nie direkten Kontakt. Ich habe keine Nachforschungen angestellt, keine besonderen cleveren Schlüsse gezogen. Ich lediglich auf ein paar Links geklickt und kombiniert.

2. Die Daten dieser (und unzähliger weiterer Persönlichkeitsprofile) sind längst da und sind sogar heute bereits techisch verküpft. Nochmal: Alle Daten und Informationen sind jetzt in diesem Moment bereits technisch vernüpft!

Blog- und Forenbeiträge erlinken auf E-Mail-/Internetadressen die einen Admin-C-Eintrag besitzen, welcher wiederum eine Postadresse enthält. Fotos enthalten werden Orten zugeordnet, werden getaggt und beschrieben. Die Googleergebnisse zu Nicknames geben Auskunft über Interessensbereiche von Personen. 100% öffentlich und frei verfügbar.

Es braucht jedoch noch einen Menschen, der diese Informationen zu einem Bild zusammenfügt. Ob ein Forenbeitrag eine Geschichte, eine Biographie oder der Bericht über eine Dritte Person ist, kann bisher keine Endnutzersoftware feststellen.

Wenn Maschinen kombinieren lernen

Bisher. Schon sind mit Personensuchmaschinen wie Spock erste Anbieter auf dem Markt, die jedoch noch daran kranken, dass sie massiv auf die Mithilfe ihrer 2.0 Community angewiesen sind. Doch bis zum Semantic Web und damit dem erkennen der Inhalte und dem logischen verknüpfen zwischen Informationen ist es nicht mehr weit. Und nun stelle man sich eine professionelle Aggregation dieser Daten vor.

Man denke zum Beispiel den Tag, an dem dir deine Versicherung kündigt, weil sie auf einer Art Google Maps entdeckt hat, dass du deine Wohnung mit jemandem teilst, der professioneller Drogenhändler ist.

Oder vielleicht wohnst in der tiefsten Provinz in Sachsen. Online bist du auf einschlägige linken Portalen gegen Rechtsradikalismus aktiv. Im Web 3.0 findest du in der „politischen Kartenansicht“ in „Google Maps“ über deiner Wohnung einen roten Punkt. Und offline statten dir die Nachbarn ohne roten Punkt einen Besuch ab.

Zu dystopisch und abwegig? Dann einen Schritt zurück: Eine Landkarte, auf der alle Eigentümer von Domains eingetragen sind. Gesetzlich zwar undenkbar, technisch aber ein alter Hut und kaum weniger unangenehm als obige Beispiele wenn ohne jeden Rechercheaufwand herauskommt, dass du mehr Domains hast, als Freunde, Familie und Arbeitgeber wissen. Und da sind wir auch schon wieder bei den Verifikationsmaschinen.

Die Wohnung habe ich dann wirklich nicht genommen.

3 thoughts on “Eine Dekade Internet III

  1. Wie immer gut beobachtet und geschrieben, aber, sehr zerehrter Herr S. aus B., mir fehlen die Lösungsvorschläge! Wir arbeiten hier ja wissenschaftlich.

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